Berlin TXL bald eine Smart City und Hotspot für urbane Technologien

5 Fragen an Philipp Bouteiller über die innovative und nachhaltige Neugestaltung des ehemaligen Flughafen Berlin Tegel

Im Interview mit Prof. Dr. Philipp Bouteiller, CEO Tegel Projekt GmbH

Animation Berlin Tegel mit Park und See
Source & Copyright by Tegel Projekt GmbH Atelier Loidl

Autor: Haus von Eden

Mit dem ehemaligen Flughafen in Berlin Tegel steht ein Areal von 500 ha zur Verfügung. Dies soll nun in ein innovatives und smartes Wohnviertel, sowie urbanen Forschungs- und Industriepark umgestaltet werden. Hier entstehen "The Urban Tech Republic" und das "Schumacher Quartier" sowie ein 200 ha großer Landschaftsraum.

In der Urban Tech Republic sollen bis zu 1.000 große und kleinere Unternehmen mit 20.000 Beschäftigten forschen, entwickeln und produzieren sowie mehr als 2.500 Studierende in die Beuth Hochschule in das ehemalige Terminalgebäude einziehen. Die hier entwickelten Technologien werden gleich nebenan im Schumacher Quartier umgesetzt. Geplant sind über 5.000 Wohnungen in dem derzeit größten Holzbauquartier mit fortschrittlichen Lösungen für die klimaneutrale Energieversorgung sowie ein autofreies Modell der Mobilität.

Mit der Entwicklung und dem Management der Projekte hat das Land Berlin die Tegel Projekt GmbH beauftragt. CEO Prof. Dr. Phillipp Bouteiller ist Experte in Sachen Smart City und hat mit dem Berlin Tegel Projekt ein innovatives Konzept für eine nachhaltige Stadtgestaltung entwickelt. Im Interview mit Haus von Eden spricht er über das Konzept hinter der Neugestaltung des Flughafen Berlin Tegel: Vom LowEnergy Netz über Cradle2Crade, lokale Fertigung und Forschung bis hin zum Animal-Aided-Design. Eine Vision für die Stadt der Zukunft.

Prof. Dr. Philipp Bouteiller im Gespräch

Philipp Bouteiller © Tegel Projekt GmbH by Christian Kielmann

Durch die Urban Tech Republic und das Schumacher Quartier fusionieren Wohnen und Arbeiten auf innovative Weise, was macht dieses Konzept so nachhaltig?

Das Zusammenspiel von Wohnen und Arbeiten an sich ist nichts Neues. Das Besondere am Projekt Berlin TXL ist vielmehr, dass wir hier die Herausforderungen unserer Zeit – vor dem Hintergrund des Klimawandels, des demographischen Wandels und der Digitalisierung – von Beginn an konsequent mitgedacht haben und nun mit einer ganzen Reihe innovativer Bausteine in die Umsetzung gehen können. Der ehemalige Flughafen Tegel wird damit quasi zu einem Reallabor für die Stadt von morgen.

Und die technologischen Grundlagen hierfür werden direkt vor Ort, in der Urban Tech Republic, erforscht, erprobt, produziert und in markttaugliche Lösungen überführt. Angefangen beim effizienten Einsatz von Energie über nachhaltiges Bauen, umweltschonende Mobilität, Recycling und die vernetzte Steuerung von Systemen bis hin zu sauberem Wasser und dem Einsatz neuer Materialien. Wir wollen das „System Stadt“ in all seinen Facetten neu denken und zukunftsfähig ausgestalten. Der Anspruch der Nachhaltigkeit zieht sich dabei wie ein roter Faden durch unser Konzept.

Animation der Suedzufahrt zu Berlin Tegel mit viel Gruenflaeche und eigenen Wegen für Fussgaenger, Fahrradfahrer, Zuegen und Autos

Source & Copyright by Tegel Projekt GmbH Atelier Loidl

Das Projekt Berlin TXL setzt zahlreiche nachhaltige Aspekte um, welche davon sind Ihrer Ansicht nach hervorzuheben?

Das ist gar nicht so einfach. Es beginnt dabei, dass wir erhalten, statt abzureißen, dass wir Materialien vor Ort aufbereiten, um sie direkt wiederzuverwerten, dass wir Baustoffe einsetzen, die ökologisch und potenziell unendlich nutzbar sind. Insgesamt spielen die Themen Kreislaufwirtschaft und Cradle2Cradle eine große Rolle bei unserem Vorhaben. Aber letztlich ist es das Zusammenspiel der verschiedenen Projektbausteine, welche die Idee einer Stadt widerspiegeln, die hochmodern und lebenswert ist und dabei naturnah und respektvoll im Umgang mit Ressourcen.

Ein in dieser Größe weltweit einzigartiges LowExergy-Netz wird Berlin TXL nachhaltig mit Wärme und Kälte versorgen. Mit unserem Mobilitätskonzept testen wir unter anderem das autofreie Quartier und werden den Beweis antreten, dass jeder, der hier wohnt, uneingeschränkt mobil sein kann. Darüber hinaus ist das Schumacher Quartier als Schwammstadt geplant und wird zum Berliner Referenzprojekt für die klimaangepasste und wassersensible Stadtentwicklung. Wir bringen Animal-Aided-Design zur Anwendung und haben ein ausgeklügeltes Biodiversitätskonzept. Sie sehen, die Reihe ist lang.

Welche nachhaltigen Initiativen sind besonders herausfordernd in der Umsetzung?

Herausfordernd, aber mit enormem Potenzial versehen, ist unser Plan, den Holzbau auf industrielles Niveau zu skalieren, dessen Kosten durch digitalisierte Prozesse und offene Standards signifikant zu reduzieren und dem nachhaltigen Bauen mit Holz so zum Durchbruch zu verhelfen. Die Effekte wären gigantisch. Stadtquartiere könnten so zu riesigen CO2-Speichern werden und sogar klimapositiv wirken. Mit mehr als 5.000 Wohnungen planen wir das derzeit größte Holzbauquartier der Welt. Auf dem Weg dorthin wird es unzählige Hürden geben, aber das Interesse und die große Bereitschaft, uns bei diesem Parforceritt zu unterstützen – sowohl aus der Wirtschaft als auch aus der Politik – gibt uns riesigen Ansporn. Auch Berlin TXL wird somit klimaneutral.

Animation des Berlin Tegel Projekt Quartierplatz

Source & Copyright by Tegel Projekt GmbH Rendertaxi

Smart City klingt für viele isoliert und nach grauem Beton, wie wird hier die Inklusion hinsichtlich der Gesellschaft, aber auch gegenüber der Natur gefördert?

Smart City ist leider ein viel zu oft für nebulöse Zukunftsvisionen missbrauchter Begriff. Wenn man sich jedoch näher mit den Vorteilen einer digitalen Infrastruktur beschäftigt, wird schnell klar, dass es in erster Linie um einfache, intelligente Kleinigkeiten geht, die unser Leben komfortabler und ressourcenschonender machen. Daten können zum Beispiel aus Sensoren in Gebäudelüftungen, Ampeln, Stadtmöbeln oder Ladesäulen stammen und helfen, dass ganz bedarfsgerecht Blumenbeete bewässert oder E-Fahrzeuge geladen werden, Filter für gute Luft sorgen oder der nächtliche Weg durch den Park immer gut beleuchtet ist. Die Möglichkeiten sind schier grenzenlos. Der Schutz von Daten und Privatsphäre hat dabei immer oberste Priorität.

Das Miteinander im Quartier und die Nähe zur Natur schaffen wir aber nicht nur durch Sensoren. Allein die Tatsache, dass wir die Autos aus dem Inneren des Quartiers fernhalten, schafft jede Menge Platz für Sport, Freizeit, Spielen oder Begegnung. Wir werden begrünte Dächer, Fassaden und viel grüne Freiräume haben, dazu Wasserflächen und große biologische Vielfalt. Statt Rasenflächen setzen wir auf bunte Schmetterlingswiesen. Statt Parkstreifen haben wir Platz für Aneignungsbeete, auf denen die Menschen nach Lust und Laune gärtnern können. Wir wollen zeigen, dass mehr Natur in der Stadt nicht nur die Lebensqualität fördert, sondern uns auch widerstandsfähiger gegen die Auswirkungen des Klimawandels macht.

Animation über die gesamte Flaeche von Berlin Tegel

Source & Copyright by Tegel Projekt GmbH Macina

Was ist der derzeitige Status Quo und wann können wir das Go Live erwarten?

Wir erwarten mit Spannung den 5. August, denn an diesem Tag übernehmen wir das 500 Hektar große Areal des ehemaligen Flughafens Tegel und unser Projekt kann starten. Zunächst stehen vorbereitende Maßnahmen an: Wir richten die Logistik ein, stellen Baustraßen her und kümmern uns um Kampfmittel und Altlasten. Gleich im nächsten Jahr beginnen dann die Tiefbauarbeiten für die ersten Bauabschnitte – sowohl in der Urban Tech Republic als auch im Schumacher Quartier.

Nach derzeitiger Planung können 2027 die ersten Mieterinnen und Mieter einziehen. Auch die Studierenden der Berliner Hochschule für Technik, die jetzt noch Beuth Hochschule heißt, werden dann den neuen Campus in der Urban Tech Republic beleben, umgeben von den Büros, Werkstätten und Experimentierflächen der ersten Unternehmen, die dann hier ihre Adresse haben. Zwischennutzungen in den Bestandsgebäuden beginnen schon früher, parallel zur Sanierung bereits ab diesem Jahr.

Vielen Dank für das Interview Prof. Dr. Philipp Bouteiller!

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