Lo-TEK: Design-Bewegung setzt auf indigene Technologien

Inidigene Technologien als Lösung für den Klimawandel - Im Gespräch mit der Autorin Julia Watson, über alternative Ideen in Symbiose mit der Natur

Im Interview mit Julia Watson

Lo-Tek Buch Cover
Quelle TASCHEN Verlag, © Amos Chapple

Autor: Haus von Eden

In ihrem Buch “Lo-TEK - Design by Radical Indigenism” zeigt Julia Watson alternative Ideen zur Eindämmung des Klimawandels in Symbiose mit der Natur. Im Gespräch mit Haus von Eden erklärt die Autorin wie das möglich ist.

Lo-TEK zeigt 18 Beispiele indigener Weisheit und Kreativität

Anhand von 18 Beispielen indigener Gemeinschaften aus Ländern wie Peru, den Philippinen, Tansania, Kenia, Iran, Indien und Indonesien, beschreibt Lo-TEK alternative Lösungen für Probleme des Klimawandels. Mit einem Vorwort des Anthropologen Wade Davis, durchstreift dieses Buch auf vier Kapiteln „Gebirge“, „Wälder“, „Wüsten“ und „Wasser“.

Auf der Suche nach über Generationen gesammelte Weisheiten und Kreativität indigener Gemeinschaften, beweist Julia Watson, dass indigene Innovationen weitaus fortschrittlicher sind, als von vielen Menschen gedacht. Nach Ansicht der Autorin, sollten diese als Vorbild für moderne Technologie agieren. Mit ihrem Buch fordert sie, die zukünftige Entwicklung von Technologien in Symbiose mit der Natur.

Lo Tek

Quelle: Taschen Verlag, © Jassim Alasadi

"Der Klimawandel ist entstanden, als sich die Menschen von dem Verständnis abgewandt haben, dass unser Überleben vom Überleben natürlicher Systeme und von der Gesundheit unserer Ökosysteme abhängig ist", so erklärt uns Julia Watson.

In ihrem Buch zeigt die Architektin, dass weltweit bereits Errungenschaften zur Eindämmung des Klimawandels existieren. Diese seien lokal, gemeinschaftsorientiert und kooperativ. Sie würden eine sichere Wasser- sowie Lebensmittleversorgung gewährleisten. Als auch die Auswirkungen des Klimawandel bekämpfen und unsere Ökosystem zu erhalten.

Der Klimawandel begann mit der Entscheidung für High-Tech

Das Thema Klimawandel sei komplex und entwickle sich ständig weiter, so die Autorin. “Der Klimawandel entstand als wir uns für eine bestimmte Technologie entschieden haben, mit der die westliche Welt fortan ihren Weg voranschreiten wollte", erklärt Julia Watson, Expertin für Landschafts- und Städteplanung.

Damit spielt sie das auf Konzept des High-Tech an, welche zum Zeitalter der Industrialisierung sowie dem Aufbau harter Infrastrukturen führte. Diese Entwicklung sei letztendlich Ursache für die Entstehung globaler Treibhausgas-Emissionen gewesen. Im Laufe der Zeit trennte uns diese Technologie zunehmend von der Natur, in eine Welt, die jetzt vom Klimawandel bedroht ist.

„Wir müssen zurück zu einem naturbasierten kulturellen Verständnis über unserer Beziehung zur Erde und zur Umwelt. Auf diese Weise sind wir zum Problem des Klimawandels gekommen, und auf diese Weise müssen wir es auch wieder bekämpfen “, so die Autorin und Lektorin an der Harvard und Columbia University.

Lo tek

Quelle: Taschen Verlag, © Enrique Castro-Mendivil

Eindämmung des Klimawandels in Symbiose mit der Natur

Lo-TEK ist ein Begriff, den die Autorin von dem Wort Low-Tech abgeleitet hat, was in der Architektur für rudimentäre oder primitive Technologien steht. Die Autorin möchte dadurch der bestehenden Meinung entgegenwirken, dass naturbasierte Technologien niedrigere Technologien oder sogar gar keine Technologien seien.

Gleichzeitig ist das Wort ein Gegenpol zum High-Tech. Welches die Faszination und Entwicklung für den Industrialismus darstellt, der die Menschen im Laufe der Zeit von der Natur entfernte. „Ich wollte diese beiden Arten von Technologien deutlich voneinander unterscheiden und vielmehr über indigene Technologien sprechen. Eine Technologie, die sich in das Wissen über einen bestimmtem Ort und eine Umgebung integriert“, sagt Julia Watson.

Lo-TEK zeigt Ideen, wie der Klimawandel angegangen werden könnte. Es unterstreicht zudem, dass wir den Weg zurück zu ganzheitlichen natürlichen Systemen finden müssen. Es bietet somit alternative Möglichkeiten, um den Klimawandel gemeinsam mit der Natur einzudämmen.

Lo-TEK verändert den Dialog über den Umweltschutz

Julia Watson argumentiert weiter, dass finanzielle Mittel, die derzeit zur Bekämpfung des Klimawandels sowie für den Naturschutz eingesetzt werden, an indigene Gemeinschaften weitergeleitet werden sollten. Diese Gemeinschaften würden bereits über Lösungen für den Klimawandel verfügen und könnten diese somit skalieren und erweitern. Dies würde zudem zum Schutze dieser derzeit gefährdeten Stämme beitragen.

Auf diese Weise würden wir die Selbständigkeit von Gemeinden außerhalb von Städten fördern, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Dies seien diejenigen Menschen, die am stärksten vom Klimawandel betroffen seien und am wenigsten begünstigt werden würden.

„Lo-TEK verändert den Dialog über den Umweltschutz und Klimawandel. Ein großer Teil des Dialoges sollte vermehrt mit indigenen Menschen geführt und geleitet werden. Wir müssen erkennen, dass dies die andere Seite der Medaille ist, also die halbe Menschheit, die nicht in Städten lebt und nicht wohlhabend ist“, sagt die Wissenschaftlerin.

Lo tek

Quelle: Taschen Verlag, © Esme Allen

Lo-TEK Beispiele reformieren das Technologie-Verständnis

Lo-TEK verändert unser Verständnis über Technologie und setzt diese in Beziehung zu unserer Umwelt. Weltweit werden parallel Lösungen für den Klimawandel entwickelt, um dieselben Probleme auf verschiede und einzigartige Weisen anzugehen:

Zum Beispiel befassen sich die sogenannten “Waffle Gardens" der Zuni in New Mexico, mit der Sammlung von Wasser in Wüstengebieten. Sie ermöglichen so den Anbau von Nahrungsmitteln in Wüstenregionen. Die geschicktesten Bauern der Welt wenden dabei die Ackerbaumethode der sogenannten “Drei Schwestern” an. „Wenn wir wissen, dass sich unsere Umwelt zunehmend erwärmt und Wüstenregionen immer heißer werden, dann sollten wir uns Fragen welche Technologien für diese Umgebungen geeignet sind?“, fragt die Autorin.

Und genau die gleiche Technik findet sich in einem anderen Stamm wieder. In den "Maple Forest Gardens” der Maya in Mexiko. Sie betreiben Agroforstwirtschaft mit Hilfe des Drei-Schwestern-Systems. „Wir wissen, dass die Landwirtschaft einer der größten Bedrohungen für unsere Wälder darstellt. Wenn wir jedoch Beispiele dafür haben, wie die Landwirtschaft innerhalb einer Waldlandschaft funktionieren kann, eröffnet dies doch eine völlig andere Sichtweise“, erklärt Julia Watson.

Ein anderes sehr ähnliches System findet sich am Fuße der Südhänge des Kilimandscharo. Die “Chagga" ist eine der fortschrittlichsten Gemeinden in Tansania. Sie leben mit ca. 600 Pflanzen- und Tierarten in einem Wald von der Größe von Los Angeles. Und sie haben es geschafft ungefähr 250 neue Pflanzenarten einzuführen. „Dies beweist, dass diese indigenen Systeme auch im großem Maßstab funktionieren können und lösen somit den Konflikt über die Arten der Landnutzung“, sagt die Autorin.

Portait Julia Watson

Die Wissenschaftlerin & Autorin Julia Watson

Die Komplexität des Klimawandels erfordert komplexe Lösungen

Die Autorin stellt fest, dass symbiotische Beziehungen die Grundbausteine ​​der Natur seien. Sie betont, dass wir nur in Symbiose mit der Natur den Klimawandel bekämpfen können. Dies sei der Gegensatz zu unserem derzeitigen Überlegenheitsgedanken gegenüber de Natur.

„Zuerst müssen wir Politik, Regularien und unsere Denkweise ändern, und dann können wir in die richtige Technologie investieren. Ich persönlich denke, dass Lo-TEK eine Denkweise ist, die ein Teil der Antwort sein kann. Es wird jedoch nicht eine einzige Antwort auf den Klimawandel geben. Dafür ist unsere Welt zu komplex und diese Komplexität erfordert komplexe Lösungen“, sagt die Wissenschaftlerin.

Designer und Ingenieure sind bemüht, den negativen Einfluss des Menschen auf die Umwelt zu reduzieren. Dabei wird jedoch häufig auf Technologien gesetzt, welche die Natur ausbeuten. Julia Watson versteht die Rolle von Designern als Botschafter und Verbündete. Botschafter für eine neue Denkweise und Verbündete für indigene Gemeinschaften.

Lo tek

Dieses Buch wurde veröffentlicht vom TASCHEN VERLAG und ist hier erhältlich

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