Bastfaser Boom: Ist Biomaterial das Next Normal im Designprozess?

Eco & Slow Design sind en vogue. Aber woraus bestehen nachhaltige Designs überhaupt? Alles rund um funktionales und ästhetisches Biomaterial

Biomaterial
Source & Copyright by Kovac Family

Autor: Hanna Lina Werner

Ein Großteil unserer Einrichtungs- und Alltagsgegenstände besteht aus künstlich hergestellten Materialien wie Plastik. Und da derartige Kunststoffe chemisch aus Erdöl gewonnen werden sowie nicht biologisch abbaubar sind, sind sie weder nachhaltig noch umweltfreundlich. Durch die mangelnde Verarbeitung vieler Fast Furniture Pieces kommt es sogar dazu, dass Chemikalien austreten und die Gesundheit der Verbraucher*innen gefährden. Somit ist klar: Langfristig stellen Kunststoffe eine Bedrohung für Menschen, Tiere und Ökosysteme dar. Aus diesem Grund suchen mehr und mehr Wissenschaftler*innen, Architekt*innen, Designer*innen und Unternehmen nach grünen Materialalternativen. Genauer boomt also das Interesse an Biomaterial wie Bastfasern, um ästhetische Nachhaltigkeit zu kreieren.

Was ist Biomaterial?

Biomaterialien, oder auch bio-basierte Materialien, bestehen aus natürlichen pflanzlichen Ingredienzen und sind somit eben auch biologisch abbaubar. Klingt für manche vielleicht kryptisch, ist es aber nicht - denn jeder kennt sie. Beispielsweise sind Papier und Holz die wohl bekanntesten Biomaterialien, die auf eine lange Anwendungstradition zurückblicken. Wichtig ist dabei, dass die Gewinnung der organischen Materialien auf nachwachsenden Rohstoffen basiert. Beispielsweise aus der Flora. Die meisten Produzenten für Biomasse sind nämlich Pflanzen von Mais über Raps bis hin zu Bäumen. In Anbetracht des Verlusts der Biodiversität sowie der Energiewende gibt es allerdings wichtige Faktoren, auf die es zu achten gilt:

  1. Verfügbarkeit und Erneuerbarkeit der Rohstoffe
  2. Hohe Ansprüche an Lokalität und biologischen, beziehungsweise biodynamischen, Anbau
  3. Geringer Energieaufwand im Anbau
  4. Anbau und Weiterverarbeitung im Einklang mit kreislaufbasierten Nutzungskonzepten
  5. Zero Tolerance für chemisch-synthetische Dünung

Im Hinblick auf Forschung, Entwicklung und Innovation gibt es darüber hinaus mehr und mehr Materialinnovationen, die beispielsweise auf Fruchtabfällen basieren. Dadurch lassen sich Ressourcen schonen und Kreislaufwirtschaft sowie Zero Waste fördern.

Welche Vorteile haben die organischen Materialien?

Die Nachhaltigkeit von Biomaterialien ist ihr größtes Pro. Aufgrund ihrer Bio Basis gefährden sie weder die Flora, noch die Fauna der Umwelt. Insbesondere dadurch, dass kein Müll entsteht. Zudem erfolgt ihre Herstellung aus verfügbaren sowie schnell wachsenden Rohstoffen, sodass aktive Ressourcenschonung im Mittelpunkt der Produktionsagenda von Biomaterialien steht. Und da bewusste Produzent*innen in den meisten Fällen sogar eine holistisch nachhaltige Strategie verfolgen, stammt ein Großteil der biologisch abbaubaren Materialien aus verantwortungsvoller, energieeffizienter sowie ethischer Herstellung.

Weiterer Pluspunkt: Organische Formen, individuelle Musterungen und warme Farben der Biomaterialien resultieren in einer einzigartigen Optik. Jedes Piece aus Biomaterialien ist somit ein Unikat und macht sie für die Verwendung in Designprozessen besonders interessant. Doch auch Verbraucher*innen profitieren vom Designfaktor der natürlichen Materialien: Eco Design strahlt Wärme, Ruhe sowie Gemütlichkeit aus und ist aufgrund der gemeinsamen natürlichen Herkunft der verschiedenen Werkstoffe optimal kombinierbar.

En Vogue: Das sind die Top Biomaterialen to Watch

Ob Mais, Löwenzahn oder Algen - Es bietet sich eine Vielzahl von Biomasse zur Weiterverarbeitung zu Materialien an. Allerdings fokussieren Architekt*innen und Designer*innen aktuell vier Top Biomaterial Trends:

  1. Bastfasern
  2. Holzarten
  3. Hanf und Kork
  4. Innovative Biomaterialien: Myzel und Algen

1. Bastfasern

Bastfasern sind Fasern, die im sogenannten Bast verschiedener Pflanzen enthalten sind. Beispielsweise in der Jutepflanze. Immer mehr Hersteller*innen wie Bast Fibre Tech entwicklen innovative Verarbeitungstechniken, um 100% natürliche, intakte Pflanzenfasern zu biologisch abbaubaren Stoffalternativen zu verarbeiten. Und zwar mit dem Ziel, den kritischen Bedarf nach nachhaltigen Alternativen zu Chemiefasern zu decken. Entsprechend verläuft schon das Wachstum der Fasern durch fortschrittliche landwirtschaftliche Standards und Praktiken. Kontrolliert sowie verantwortungsbewusst.

biomaterial

Source & Copyright by Bast Tech Fibre

Bastfasern eignen sich für ein breites Portfolio an Produktanwendungen. Beispielsweise werden sie im Interior Sektor oft zu Teppichen, Gardinen oder Tüchern verarbeitet. Doch auch im Kosmetik- und Haushaltsbereich haben sie das Potenzial synthetische Materialien, beispielsweise in Watte zum Entfernen von Make Up, zu ersetzen.

2. Holzarten

Holz ist das Biomaterial mit Jahrhundert Tradition. Zeitlos und langlebig. Kein Wunder, dass Architekt*innen und Designer*innen das Material sowohl für nachhaltiges Bauen und flexible Wohnkonzepte sowie für Interior Design nutzen. Statt konsum- sowie profitorientierter Produktion findet also ein Umdenken visionärer Designstudios statt, die sich auf die Natur zurückbesinnen und faszinierende Objekte im Namen der Nachhaltigkeit entwerfen. Beispielswiese wird Holz mehr und mehr für den 3D Druck von Zero Waste Häusern verwendet und Biophilie sowie Planthroposcene bringen organische Stoffe in den Indoor Bereich.

biomaterialien rattan

Source & Copyright by Kovac Family

Ein großer Vorteil des Biomaterials ist seine Verfügbarkeit. Insbesondere beschädigtes Holz ist im Überfluss vorhanden und kann ganz im Sinne der Kreislaufwirtschaft zur Herstellung verschiedener Gegenstände benutzt werden. Das wirkt der Verschwendung wertvoller Ressourcen entgegen. Entsprechend eignen sich schnell wachsende Holzarten wie Bambus, Raffia-Palme oder Rattan besonders gut für nachhaltige Einrichtungskonzepte, beispielsweise von Kovac Family oder Atisan. Angesichts des Waldsterbens in Deutschland sowie weiten Teilen Europas und ihrer schnellen Verfügbarkeit, ist die Verwendung der asiatischen oder afrikanischen Pflanzen oft sogar noch umweltfreundlicher als die Nutzung lokalen Holzes. Transparenz entlang der gesamten Lieferkette ist zur Garantie der Ethik sowie Nachhaltigkeit allerdings ein absolutes Muss.

3. Hanf und Kork

Kork, Hanf und Papier zählen ebenfalls zu den traditionsreichen Biomaterialien. Während die Gewinnung von Hanffasern durch das Brechen und Wälzen der Stängel der Pflanze erfolgt, wird Kork aus der Rinde der Korkeiche gewonnen. Neben seiner Erneuerbarkeit sowie seiner Resistenz, zeichnet sich das Biomaterial durch seine isolierende Eigenschaft aus. Und findet deshalb oft Verwendung als nachhaltiges Material in Architektur sowie Bau, beispielsweise um Wände zu dämmen. Aufgrund seiner natürlichen Optik und angenehmen Haptik, eignet er sich interior technisch allerdings insbesondere als Bodenbelag.

Source & Copyright by ClassiCon

Auch Hanf ist ein Isolationsmaterial. In Kombination mit Kalkstein wird die Faser oft zu Hanfbeton verarbeitet und kommt in Form von großen Paneelen als nachhaltiger Baustoff zum Einsatz. Sein besonderer Vorzug liegt dabei darin, dass Hanf Kohlenstoff binden kann und somit eine negative CO2 Bilanz hat. Doch auch in Sachen Interior wird Hanf immer beliebter - beispielsweise in Form des Hemp Chairs von Werner Aisslinger. Extra Plus: Aufgrund seines sowohl haptisch als auch visuell natürlichen Effekts sorgt der Stoff für eine beruhigende, warme Raumatmosphäre.

4. Innovative Biomaterialien

Während Holz, Hanf und Kork zu den Classics der Biomaterialen zählen, gibt es immer mehr innovative Alternativen wie Pilzmyzel oder Algen. Nachdem Myzel nachhaltige Produktion besonders im Fashion Kosmos gefördert hat, steigt seine Verwendung nun auch als Material für Einrichtungsgegenstände oder Baukörper. Die lederartige Oberfläche der Innovation punktet nicht nur optisch, sondern auch durch seine Fähigkeit CO2 zu binden und Emissionen somit zu reduzieren. Ein minimalistisch stilvolles Beispiel: Die Myzel Deckenlampen von Londoner Designer Sebastian Cox.

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Source & Copyright by Sebastian Cox

Und auch Algen können den CO2 Footprint eines Interiors oder eines gesamten Gebäudes reduzieren, da sie Kohlenstoffdioxid im Wachstumsprozess absorbieren sowie speichern. Aktuell gehen Forscher*innen der Delft University of Technology und der University of Rochester sogar so weit, ein Biomaterial aus Mikroalgen herzustellen, dass aktiv Photosynthese betreiben und so aktiv zur Energiegewinnung beitragen kann.

Die Zukunft: Wo findet Biomaterial Verwendung?

Biomaterialien sind nicht nur vielseitig einsetzbar, sondern eben auch nachhaltig. Entsprechend funktionieren sie als richtungsweisendes Instrument für Designer*innen und Architekt*innen, die Bau- und Einrichtungsbranche in eine grünere Zukunft zu lenken. Aufgrund der immer stärker werdenden Zero Waste Bewegung unterstützt auch die Nachfrage von Konsument*innen diese Entwicklung und erfordert ein branchenübergreifendes Umdenken. Biologisch abbaubare Alltagsgegenstände statt synthetischen Wegwerfprodukten. Ob Möbel, Accessoires, Haushaltstextilien oder Kleidungsstücke – Es bleibt also zu hoffen, dass Biomaterialien mehr und mehr zum Einsatz kommen und zukunftsweisende Akteur*innen ihren kreativen Handlungsspielraum nutzen, um Nachhaltigkeit durch Design zu fördern.

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