Die Zukunft urbaner Städte: Empathische Gebäude und intelligente Mobilität

Prof. Nikolaus Hafermaas, Managing Partner Creation der Berliner Agentur Graft Brandlab, über die nachhaltige Entwicklung von Architektur, Stadtplanung und Mobilität

By Prof. Nikolaus Hafermaas, Graft Brandlab

Volocopter Brand Graftlab
Premiere des weltweit ersten Vertiports für Volocopter, dem Flugtaxi Pionier, designed von Graft Brandlab | © Raphael Olivier

Autor: Haus von Eden

Marken multidimensional erfahrbar zu machen, ist das Ziel der Berliner Innnovationsagentur Graft Brandlab, die an den Schnittstellen von Kunst, Design und Technologie agiert. Rico Zocher, Managing Partner Business, und Prof. Nikolaus Hafermaas, Managing Partner Creation, leiten die Agentur, die 2014 von Graft Architekten gegründet wurde. Die Projekte umfassen die Entwicklung und Umsetzung von Markenstrategien in Form von multimedialem Branding, Kommunikation, Architektur und Mediatektur.

Bei Haus von Eden spricht Nikolaus Hafermaas über seine Vision für die Zukunft urbaner Städte, geprägt von einer intelligenten Infrastruktur, empathischen Gebäuden und Work-Life-Fusion.

"Das noch so nachhaltigste Gebäude ist Energie- und Zeitverschwendung, wenn sich keiner darin wohl fühlt und es ungenutzt bleibt. Dies betrifft nicht nur Gebäude, sondern alle Produkte, Services und Design: der Mensch steht im Mittelpunkt, wir nennen es den human-centered design approach."

Prof. Nikolaus Hafermaas | Managing Partner Creation, Graft Brandlab

Resiliente Städte fordern intelligente und vernetzte Infrastrukturen

Die letzten eineinhalb Jahre haben gezeigt, wie kritisch es um unseren Planeten steht, um unsere Gesundheit und die der nachfolgenden Generationen. Die Initiative Fridays for Future hat es geschafft, den Klimaschutz auf der politischen Agenda nach oben zu schieben. Dazu noch die Pandemie, die uns seit Monaten zwingt, unser Mobilitäts- und Konsumverhalten zu verändern. Die Auswirkungen sind deutlich erkennbar. Noch sind sie graduell, aber zumindest sind es erste Schritte hin zu einem neuen Verhalten, sei es ökologisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich. Zeitgleich steigt weltweit die Bevölkerungsanzahl in Städten exponentiell an und mit ihr der Bedarf nach neuem Wohnraum und intelligenten Infrastrukturlösungen.

Das alles erfordert die Entwicklung von resilienten Städten, wie es Oona Strathern-Horx vom Zukunftsinstitut nennt. Mit nachhaltigen Konzepten werden sie maßgeblich zum Umwelt- und Klimaschutz beitragen. Zudem müssen sie gewappnet sein, um bei plötzlichen schockierenden Ereignissen wie zum Beispiel einer Pandemie oder Naturkatastrophe ihre Bevölkerung zu schützen und einen sicheren Lebensraum zu bieten. Nassim Nicholas Taleb hat den Begriff der Antifragilität geprägt, der Systeme beschreibt, die flexibel auf Stressfaktoren reagieren können und dadurch erst resilient werden. Das ist die erfolgreiche Stadt der Zukunft.

E.ON Elektroladeinfrastruktur von GRAFT und Graft Brandlab | © Plo.mp

Das Lokale tritt in den Vordergrund der Städteplanung

In der Städteplanung erhalten Stadtquartiere wieder eine größere Bedeutung, da der Radius, in dem ein Mensch verkehren muss und kann, in solchen Situationen sich deutlich verkleinert. Das Lokale tritt wieder in den Vordergrund. Paris macht es bereits vor mit dem Stadtmodell der kurzen Wege - zukünftig soll hier in Stadtquartieren alles Alltägliche in 15 Fußminuten erreichbar sein.

Dies hat natürlich einen großen Einfluss auf unser Mobilitätsverhalten. Sharing Konzepte haben sich bereits in Großstädten etabliert und werden durch die Elektromobilität noch weiter beschleunigt. Wir sind hier aber erst am Anfang. Wir werden neue CO2-freie Kraftstoffe entwickeln, E-Autos kreieren, die überschüssige Energie und sogar Rechenkapazität produzieren und so ihren eigenen Energiekreislauf realisieren. Zudem werden diese Vehikel als komplex vernetzte mobile Sensoren ungeahnte Datenmengen über den Zustand unserer Städte und ihrer Einwohner generieren, die wiederum in Echtzeit verschiedene Stellgrößen der urbanen Infrastruktur beeinflussen können.

Architektur im Sinne des Human-Centered Design Approach

Betrachten wir die Architektur moderner Städte, so steht hier alles unter den Vorzeichen Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Diversität. Unsere Partner GRAFT Architects entwickeln bereits seit einigen Jahren Energieplus-Häuser sowie Cradle-to-Cradle-Projekte. Ressourcenschonende Material- und Energiekreisläufe spielen in der Architektur und Stadtplanung eine essentielle Rolle. So erlebt Holz als natürlicher Baustoff derzeit eine Renaissance. Im Podcast der Agentur Arup zum Thema Klimaneutrale Städte erklärte Philipp Bouteiller, Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH, dass die Holzbauweise auch auf dem ehemaligen Flughafengelände eingesetzt wird.

Studie einer Null-Energie-Media-Fassade | © Graft Brandlab

Als Innovationsagentur entwickeln wir zukunftsfähige Konzepte mit einem Verständnis von Nachhaltigkeit, das weit über den ökologischen Fußabdruck hinaus geht. Im Rahmen unserer ganzheitlichen Perspektive sind ökonomische und soziale Auswirkungen ebenso Teil von Nachhaltigkeit. Denn wir dürfen eines nicht vergessen: am Ende müssen wir als Mensch mit den Maßnahmen glücklich sein, uns wohlfühlen. Das noch so nachhaltigste Gebäude ist Energie- und Zeitverschwendung, wenn sich keiner darin wohl fühlt und es ungenutzt bleibt. Dies betrifft nicht nur Gebäude, sondern alle Produkte, Services und Design: der Mensch steht im Mittelpunkt, wir nennen es den human-centered design approach.

Durch Empathie Gebäude neu definieren und gestalten

Neben den genannten Trends wie Holzbauweise, Cradle-to-Cradle, Plusenergie Häuser und mehr, sehen wir vor allem eine Veränderung in der Nutzung von Architektur. Wir beschäftigen uns eingehend mit Customer Journeys, genauer gesagt, mit den Erwartungen, Bedürfnissen, den Ängsten, Wünschen und Verhaltensweisen von Menschen im Raum, seien es Touristen in Erlebnisquartieren, Mitarbeiter in Headquartern oder auch pflegebedürftige Menschen, zum Beispiel in Altersheimen. Nur wer die Bedürfnisse, Sorgen und Verhaltensweisen empathisch versteht, ist in der Lage, Gebäude neu zu definieren und zu gestalten, optimiert auf das Individuum. Hier sehen wir ein großes Potenzial, das vor allem die Lebens- als auch die Gebäudequalität verbessert.

Die Digitalisierung ist eine Errungenschaft, die die Welt miteinander verbindet. Daten werden gesammelt, ausgetauscht – und bleiben dann doch gößtenteils abstrakt und visuell verborgen. Technische Tools wie Apps verarbeiten diese Datenmengen und nutzen sie für individualisierte Anwendungen – aber eben begrenzt auf unserem Smartphone oder Laptop. Dabei wird unser physische Umwelt meist noch außer acht gelassen. Hier liegt das Potenzial von Mediatecture.

 

eFLOW - Interaktive Mediatecture-Skulptur | © Ivan Cruz

Mediatecture steht für die Verschmelzung von digitalen Medien und Architektur. Sie kann zum Beispiel Daten in der gebauten Realität visualisieren und so gemeinsame Erlebnisse im Raum schaffen, ganz im Unterschied zum eher individuellen Erleben von Virtual Reality. Während meiner Zeit in Kalifornieren habe ich architektonisch-künstlerische Installationen zum Beispiel in Flughäfen umgesetzt, die verschiedene Datenströme und Inhalte wie zum Beispiel Wetterdaten und Flugverkehrsdaten auf Raumskulpturen in Echtzeit erlebbar machen.

Im Kampf um neue Talente erhält die Gestaltung von Workspaces zum Beispiel eine wachsende Bedeutung. Wenn man das Gebäude und die ganzen darin stattfindenden Aktivitäten als vernetzten Organismus betrachtet, dann ist es äußerst spannend seinen Energiezustand zu visualisieren, sozusagen das EKG der Firmenzentrale. Das schafft eine neues holistisches Verständis des Unternehmens und seiner Mitarbeitenden, interpretiert als zentrale Mediatecture-Skulptur.

Schnittstelle zwischen Digital und Präsenz bietet Potential für Nachhaltigkeit

Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in Produkten und Services ist da. Wo wir noch Potenzial sehen, ist vor allem an den Schnittstellen zwischen Digitalem und Präsenz. Ein ganz einfaches Beispiel: während des Lockdowns boomte der Online-Handel, sei es für Produkte oder auch Essensbestellungen. Die bestellten Produkte können noch so nachhaltig produziert und der Transportkarton aus wiederverwertbarem Material sein – die Schnittstelle Transport hin und zurück ist eine Emissionsfalle.

Mobilität, Transport, Logistik, Infrastruktur: all das muss neu gedacht werden. Langfristig wird  die Urban Air Mobilität definitiv unsere Lebensart verändern. Bis dahin allerdings gilt die Aufmerksamkeit dem Paradigmenwechsel von Verbrennern zu Elektro. Dafür braucht es eine Neukonzeption unserer Infrastruktur. Einige unserer Projektbeispiele die diese Transition fördern sind zum Beispiel ein Projekt für E.ON, bei dem wir zusammen mit unseren Partnern GRAFT Architects eine Elektro-Ladeinfrastruktur entwickelt haben, die es nun gilt, weltweit auszurollen.

Für Volocopter, einem elektrisch senkrechtstartenden Flugtaxi, entwickelten wir die mehrfach prämierte Start- und Lande-Infrastruktur, den VoloPort. Ein großer Mehrwert, betrachtet man die positive Klimabilanz elektrischer Lastendrohnen. Nicht zuletzt haben wir die adaptierfähige Umsetzung eines Messekonzeptes gestaltet. Ohne Anwesenheitspflicht unsererseits können dabei die lokalen Produktioner, mit Hilfe eines digitalen Designtools, die von uns entwickelte Messe-Identität selbstständig ausarbeiten. Weg von der Design-Hoheit hin zu einer Co-Autorenschaft.

Der Mensch im Fokus des modularen und flexiblen Messekonzepts der Hyundai Motor Company | © Plo.mp

Work-Life-Fusion: Verändertes Mobilitätsverhalten

Mit dem hybriden Modell bzw. der Vereinbarkeit von Home Office und Präsenzzeiten wird es zu einem veränderten Mobilitätsverhalten kommen – was sich womöglich auch auf die üblichen Stauzeiten auswirken wird. Der Arbeitsplatz wird geprägt sein von Flexibilität und Dynamik. Headquarter und Büros werden sich zu Begegnungsorten wandeln, an denen Mitarbeiter sich austauschen und brainstormen können. Die konzentrierte Arbeit kann dann überall geschehen, im Büro, auf der Parkbank, im Café oder auch Zuhause. Die Anzahl an festen Arbeitsplätzen wird sich reduzieren. Mobile, flexible Arbeitsbereiche hingegen werden zunehmen.

Auch das Zuhause wird sich dieser neuen Arbeitsweise anpassen – flexible Möbel und Wände werden sich etablieren, die private Rückzugsräume schaffen. So sprechen wir dann nicht mehr von Work-Life-Balance sondern von Work-Life-Fusion. Und dann spielt natürlich die wiedergewonnene Bedeutung des Stadtquartiers und seiner Services eine Rolle, die der Mensch, der nun mehr Zeit zu Hause verbringt, in fußläufiger Entfernung erhalten sollte.

Wie sieht die Zukunft aus?

Abgesehen von Mobilität und Konnektivität sehen wir vor allem Entwicklungen wie Intergenerational Design, Wir-Kultur, Glokalisierung oder auch FoodCities, die unser Leben beeinflussen werden. Wir arbeiten momentan an einer Reihe neuer Projekte u.a. in den Bereichen Mobility, Workspace Design und Mediatecture, die allesamt noch höchster Geheimhaltung unterliegen. Wir freuen uns schon darauf, die Ergebnisse in naher Zukunft präsentieren zu dürfen.

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