Nachhaltige Materialien – Neue Standards für die Textilwirtschaft

Immer mehr Unternehmen setzen auf nachhaltige Materialien, Materialinnovation oder preferred fiber and materials

nachhaltige Materialien

Autor: Lara-Sophie Buckow

Weltweit werden jährlich etwa 111 Millionen Tonnen Fasern hergestellt. Bei der aktuellen Entwicklung wird sich diese Menge bis 2030 auf 146 Millionen Tonnen erhöhen. Davon sind bislang nur weniger als 20% in irgendeiner Form als nachhaltig ausgewiesen. Preferred fiber and materials, also bevorzugte Fasern sowie nachhaltige Materialien, sollen die Antwort auf dieses Problem darstellen.

Materialinnovationen, Verwendung nachhaltiger Rohstoffe sowie die Schaffung neuer Produktmodelle sind es was die Industrie dafür leisten muss. Mit dem jährlichen Bericht von Textile Exchange, erhofft sich die Organisation ein Eco-Wakening der Fashion- und Textilindustrie, einen Austausch innovativer Entwicklungen sowie einen holistischen Wandel für mehr Nachhaltigkeit.

5 Kategorien für nachhaltige Materialien

  1. Pflanzliche Naturfasern
  2. Tierische Fasern und Materialien
  3. Künstliche Zellulosefasern
  4. Synthetische Fasern
  5. Materialinnovationen

Während sich für einige Kategorien, wie pflanzliche Naturfasern, die Nachhaltigkeit sowie umweltbewusste Produktion innerhalb der letzten Jahre positiv entwickelt hat, benötigen andere dringend Innovationen sowie ein Umdenken der Lebenszyklen für eine tragbare Zukunft.

Erfahren Sie hier welche Fasern und nachhaltige Materialien hinter den verschiedenen Kategorien stecken und wie Sie in Zukunft auf nachhaltige sowie umweltfreundliche Rohstoffe achten können.

1. Pflanzliche Naturfasern

Zu den pflanzlichen Naturfasern gehören vor allem Baumwolle, Flachs oder Lein, Hanf, Jute sowie Kokosfasern. Besonders die Produktion von Baumwolle hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. So besteht heute bereits 25% des weltweit neu gewonnenem Bestandes aus preferred cotton, also bevorzugter Baumwolle. Bevorzugte Baumwolle ist zertifiziert durch eine von 22 Organisationen, wie beispielsweise die Better Cotton Initiative (BCI), Global Organic Textile Standard (GOTS) oder Cleaner Cotton. Sie stehen für die Produktion von Fairtrade- sowie Bioprodukten und setzen sich für innovative Landwirtschaft und für das Einsparen von kostbaren Ressourcen wie Wasser ein.

Ein Ast natuerlicher Baumwolle nachhaltige materialien

Mit dem zunehmenden Vorsprung an Materialinnovationen erfahren auch andere pflanzliche Naturfasern immer mehr Nachfrage. Die Verwendung von Nesseln, Lotus oder Kapok hat nicht nur den Vorteil, dass die Produktion derer Fasern ohne chemische Belastungen möglich ist. Auch das Recycling sowie die Entsorgung am Ende der Verwendung gestaltet sich bei diesen Materialien als einfach sowie nachhaltig.

2. Tierische Fasern und nachhaltige Materialien

Mit zunehmender Transparenz innerhalb von Lieferketten sowie Haltungsstandards von Tieren in der Landwirtschaft steigt das Interesse an nicht-tierischen Produkten. Immer mehr Marken und Unternehmen sind dadurch dazu aufgefordert, vegane Produkte anzubieten. Jedoch bieten die Nebenprodukte der Lebensmittelindustrie oftmals deutlich wirksamere nachhaltige Materialien als ihre künstlichen Alternativen. Die Lösung sind Rohstoffe ohne unnötiges Tierleid.

Daunen & Federn

Erst kürzlich kündigte Canada Goose an, ab 2022 keinen echten Fellkragen mehr anzubieten. Das Futter der Jacken aus Daunen und Federn jedoch bleibt. Denn sie sind deutlich umweltfreundlicher als die Alternative aus Polyester. Um jedoch den Erwartungen von Konsumenten gerecht zu werden, gibt es heute mehrere Organisationen, welche die Methoden zur Gewinnung von Daunen sowie Federn auf unnötiges Tierleid untersuchen und entsprechend zertifizieren. Responsible Down Standard (RDS), Global Traceable Down Standard (Global-TDS) oder Downpass sind international anerkannte Organisationen, die für ethische Daunen- und Federproduktion stehen.

Daunen sowie Federn als nachhaltige materialien

Doch auch hier bedarf es bei den Prozessen des Recyclings Nachholbedarf. Allein in Deutschland produziert die Industrie für Bettfedern etwa 950 Tonnen Abfall. Es ist also wichtig, hier nicht nur das Recycling nach der Verwendung zu betrachten, sondern auch das Recycling innerhalb der Produktion.

Wolle

Egal ob Schafswolle, Cashmere, Mohair oder Alpakawolle. Das immer nachwachsende Fell der Tiere bietet ein nicht nur regenerativen, sondern auch natürlichen sowie vielseitig einsetzbaren Rohstoff. Jedoch besteht nur etwa 3% der weltweiten Schafswolle aus bevorzugten Quellen. Jeweils 1% ist Biowolle, durch den Responsible Wool Standard (RWS) oder The New Zealand Merino Company Ltd. (ZQ) zertifiziert. Bei Wolle von anderen Tieren liegt der Anteil von bevorzugter Wolle ähnlich oder sogar niedriger. Dies zeigt, dass vor allem in diesem Bereich Nachholbedarf ist.

Wolle als nachhaltige materialien

Recycling jedoch war innerhalb der Wollproduktion seit Beginn an, ein wichtiger Bestandteil. Allein in dem italienischen Bezirk Prato, einem der bedeutendsten Regionen für das Recycling von Wolle, werden jährlich etwa 22.000 Tonnen Wolle recycelt. Auch in Indien und China werden jährlich mehrere Tonnen Wolle wieder aufbereitet und zurück in den Kreislauf der Textilindustrie geschleust.

Seide

Obwohl Seide mit etwa 160.000 Tonnen jährlicher Produktion im Gegensatz zu den anderen Rohstoffen der Textilindustrie nur einen geringen Marktanteil ausmacht, gibt es auch bei diesem Material deutliche Unterschiede in der Herstellung. Zwischen 1990 und 2019 hat sich das Produktionsvolumen mehr als verdoppelt, was deutlich dafür spricht, globale Standards für Nachhaltigkeit zu schaffen.

Aktuell gibt es keine internationalen Label, die sich ausschließlich mit der Zertifizierung von Seide beschäftigen. Stattdessen sollten Sie achten beim Kauf auf die Prüfung von Organisationen wie GOTS, World Fair Trade Organisation (WFTO) oder bei recycelter Seide Global Recycled Standards (GRS) oder Recycled Claim Standard (RCS) achten.

Leder

Weltweit werden jährlich mehr als 7 Millionen Tonnen neues Leder von über einer Milliarde Tieren gewonnen. Vor allem über die letzten Jahre hat die Nachfrage nach Transparenz sowie künstlichem und veganem Leder stark zugenommen. Als Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie gestaltet sich tierisches Leder jedoch in Sachen Nachhaltigkeit sowie Umweltfreundlichkeit als Vorreiter im Vergleich zu seinen synthetischen Alternativen. Arbeitsgruppen wie der Responsible Leather Round Table (RLRT) oder Leather Working Group (LWG) arbeiten kontinuierlich daran, durch Innovationen innerhalb der Produktion sowie tierfreundlichen Standards das natürliche Material zu verbessern.

Leder als nachhaltige materialien

Da jährlich etwa 800.000 Tonnen Abfall innerhalb der Lederproduktion entstehen, besteht deutlicher Nachholbedarf zum Thema Recycling sowohl nach der Benutzung von Lederwaren sowie innerhalb der Herstellung. Durch die Zusammenfügung von Ausschussmaterialien auf einer synthetischen Grundlage ist das Recycling sowie die Wiederverwertung von Abfallprodukten möglich. Immer mehr Organisationen wie RECYC LEATHER™ oder Sustainable Composites haben diese Verfahren für sich entdeckt und arbeiten kontinuierlich an ihrer Verbreitung.

3. Künstliche Zellulosefasern

Mit jährlich rund 7,1 Millionen Tonnen, macht diese Materialkategorie nur etwa 6,4% der weltweit produzierten Fasern und Materialien aus. Dazu gehören vor allem Viskose, aber auch Acetate, Lyocell, auch Tencel genannt, Modal sowie Cupro. Aktuell ist hauptsächlich Holz der Rohstoff für Zellulosefasern. Seit 1990 hat sich die Produktion von künstlichen Zellulosefasern mehr als verdoppelt. Auch in der Zukunft wird ein weiter zunehmender Anstieg erwartet. Der Anteil an FSC oder PEFC zertifizierten künstlichen Zellulosefasern liegt zwischen 40%-50%. Damit stammt bereits ein Großteil aus nachhaltiger Forstwirtschaft, jedoch ist das Risiko der Rodung von alten sowie gefährdeten Wäldern hoch.

Weniger als 1% der künstlichen Zellulosefasern ist recycelt. Die Umsetzung von recycelten Fasern durch die Wiederverwendung von Baumwollabfällen oder Lebensmittelabfällen sowie Rayon oder Viskose ist möglich und könnte die Verwendung von neu gewonnenem Holz ersetzen.

4. Synthetische Fasern

Polyester

Mit jährlichen 57,7 Millionen Tonnen, macht Polyester 52% aller weltweit produzierten Fasern aus und ist somit das am meisten produzierte Material in der Textilindustrie. Polyester entsteht durch eine chemische Reaktion von Petroleum, Luft und Wasser. Da es geschmolzen und in viele verschiedene Formen gebogen werden kann, ist es als Material in der Produktion sehr gefragt. Doch mit Erdöl als Hauptbestandteil ist es alles andere als umweltfreundlich oder nachhaltig.

Polyestergarn in Textilfabrik nachhaltige materialien

Umso wichtiger ist die Verwendung von recycelbaren Rohstoffen wie PET Plastikflaschen oder Textilpolyesterabfälle für die Polyester Herstellung. Obwohl sich der Anteil an recyceltem Polyester von 2009 bis 2019 fast verdreifacht hat, liegt der prozentuale Anteil zur gesamten Polyesterproduktion nur bei 14%. Aktuell wird das meiste Polyester mechanisch recycelt. Ansätze des chemischen oder biologischen Recyclings sind noch in der Entwicklungs- und Textphase. LYCRA® oder Repreve® sind bereits etablierte Fasern, die durch Recycling neues, hochwertiges Polyester anbieten.

Als weitere Alternative hat biobasiertes Polyester die nachhaltigsten Zukunftsaussichten. Jedoch macht es bislang gerade einmal 1% vom weltweiten Polyester aus und ist nur dann umweltfreundlicher, wenn die Rohstoffe anhand nachhaltiger Standards gewonnen sind.

Polyamide

Polyamide, auch bekannt als Nylon, Perlon, Enkalon oder Kevlar sind auch auf Kunststoff basierende Fasern. Sie machen etwa 5% der weltweiten Materialien der Textilindustrie aus. Der Anteil an recycelten Polyamide ist unklar. Umso wichtiger, dass auch hier ein Wandel zu mehr Transparenz sowie Nachhaltigkeit stattfindet. Im Gegensatz zu Polyester gestaltet sich das Recycling von Polyamide deutlich komplizierter. Doch mit zunehmenden Fortschritt in Forschung und Entwicklung gibt es immer mehr Produzenten von recycelten Polyamide. Bekannte Anbieter sind ECONYL®, Reco Nylon® oder CYCLEAD™.

5. Materialinnovationen

Künstliche Proteinfasern sind eine weitere Innovation im Bereich der neuen Textilmaterialien. Zwar sind auch hier noch nicht alle biobasierte Fasern anhand von umweltfreundlicher Standards zertifiziert, allerdings sind sie ein Schritt in eine nachhaltige Zukunft. Mit Zucker als Hauptbestandteil kann die Faser den Erwartungen von Kunden an emissionsarme Textilmaterialien, welche frei von Mikroplastik sind, gerecht werden. Aktuell findet die Produktion sowie Verwendung jedoch erst im kleineren Rahmen statt.

Bestandteile sowie Endprodukt Proteinfaser als nachhaltige materialien

Brewed Protein™, Source & Copyright by Spiber

Carbon Capturing gewinnt mit der steigenden Erderwärmung zunehmend an Aufmerksamkeit und immer mehr innovative Methoden und Prozesse werden dafür entwickelt. Vor allem wie das CO2 nach dem Auffangen vielseitig verwendet werden kann ist in vielen Industrien noch in der Erprobung. Auch innerhalb der Textilindustrie gibt es immer öfter Innovationen, so auch auf CO2 basierte Fasern. CarbonSmart™ oder aircarbon™ sind bereits entwickelte nachhaltige Materialien, die jedoch noch auf breite Anwendung warten.

Nachhaltige Materialien auf dem Vormarsch

Für Verbraucher scheinen die zahlreichen Materialien, Stoffe und Fasern sowie deren unterschiedlichen Herstellungsmethoden oft überwältigend zu sein. Durch Regulationen, steigende Nachfrage von Kunden sowie immer mehr Unternehmen, die sich aktiv den Erhalt der Umwelt als Mission vornehmen, nimmt die Aufklärung sowie die Verwendung zu. Preferred fiber and materials bietet Unternehmen Ansätze, um die eigenen Prozesse sowie Lieferketten umzustrukturieren.

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