Im Berliner Arts and Nature Social Club präsentierte der preisgekrönte Fotograf eine visuelle Erzählung über eine geteilte Welt
Source & Copyright Johnny Miller - Unequal Scenes Jakarta
An einem jüngsten Abend in Berlin lag gespannte Erwartung in der Luft. Im SAP Data Space begrüßte der Arts and Nature Social Club (ANSC) den Fotografen, Journalisten, Filmemacher und Autor Johnny Miller, Initiator des Projekts Unequal Scenes. Der ANSC ist ein gemeinnütziger Verein, der Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik miteinander verbindet, um ökologische und gesellschaftliche Fragen greifbar zu machen. Unter dem Titel „(Un-)Equal World“ widmete sich der Inspiration Salon an diesem Abend dem Thema soziale Ungleichheit.
Miller, in den USA aufgewachsen und seit mehr als 15 Jahren in Südafrika verwurzelt, ist international bekannt für seine Fotoserie Unequal Scenes. Mit Hilfe von Drohnen hält er Kontraste fest, die auf eindringliche Weise das unmittelbare Nebeneinander von Reichtum und Armut offenlegen. Seine Arbeiten haben weltweite Anerkennung gefunden, wurden in führenden Publikationen veröffentlicht und auf renommierten Kunstmessen wie Photo Basel und Unseen präsentiert.
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Source & Copyright Johnny Miller - Unequal Scenes Mumbai
Johnny Miller zeigt Wahrheiten von oben
Miller begann mit einem Blick auf Kapstadt, eine der ungleichsten Städte der Welt. „Oft denken wir, Ungleichheit sei organisch – sie entstünde einfach so“, sagte er. „Aber in Südafrika sieht man die Linien: Autobahnen, Zäune, ganze Stadtteile, die geplant trennen.“
2016 stieg er erstmals mit einer Drohne über diese unsichtbaren Mauern. Was er von oben sah, war brutal: Villen mit Swimmingpools direkt neben Wellblechhütten, Golfplätze am Rand von Elendsvierteln, Slums, die abrupt an Mauern endeten. „Ich stellte eines dieser Bilder auf Facebook – und über Nacht ging es viral“, erinnerte er sich. „Menschen kannten mich nicht, sie wussten nicht, ob ich weiß oder schwarz bin, links oder rechts. Sie stritten nur über die Situation auf dem Bild. Das Gespräch war größer als ich.
Diese Bilder können wie historische Quellen genutzt werden und sind nur durch den Einsatz von Drohnentechnologie möglich. Die Bilder übersetzen Ungleichheit in eine Sprache, die jeder verstehen kann. Die Aufnahmen wandeln sich im Lauf der Zeit und machen das Projekt dadurch praktisch unendlich.
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Source & Copyright ANSC
Von Kapstadt in die ganze Welt
Bald weitete Miller sein Projekt aus: nach Mexiko-Stadt, Mumbai, Manila, Nairobi, Bogotá, Jakarta und sogar San Francisco. Überall dieselbe Choreografie der Extreme: gläserne Hochhäuser neben improvisierten Siedlungen, Mauern der Scham, die Reiche von Armen abgrenzen.
Eines seiner bekanntesten Bilder – ein Vorort von Johannesburg, der direkt an ein informelles Siedlungsgebiet grenzt – landete 2019 auf dem Cover des Time Magazine. Dass es genau in der Woche der südafrikanischen Wahlen erschien, war ein Paukenschlag. „Ungleichheit ist kein südafrikanisches Problem“, betonte Miller. „Sie ist global.“
Die versteckten Kosten der Kluft
Miller spannte den Bogen von Bildern zu Daten. Seit den 1970er Jahren, erklärte er, habe sich der Einkommensanteil der obersten zehn Prozent in fast allen großen Ländern stetig erhöht. Der Zinseszinseffekt, wie Thomas Piketty ihn beschrieben hat, lasse die Superreichen davonziehen: „Sie sind längst außer Reichweite.“
Doch Miller beließ es nicht bei der Diagnose. Er verwies auf neue Forschungen, die zeigen: Je ungleicher ein Land, desto schlechter die Gesundheit seiner Bevölkerung – auch der Wohlhabenden. „Ungleichheit frisst sich ins soziale Gefüge, in Vertrauen, in die langfristige Lebensqualität.“
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Source & Copyright Johnny Miller - Unequal Scenes Peru
Kunst bringt Gesellschaft ins Gespräch
Besonders ist an Millers Werk, dass es nicht nur dokumentiert, sondern ästhetisch fesselt. Seine Aufnahmen aus der Vogelperspektive wirken fast abstrakt: Straßennetze wie filigrane Muster, Slums als Texturen, Mauern als scharfe Linien von Licht und Schatten. „Ein weinendes Kind im Armenviertel macht Menschen defensiv“, sagte er. „Aber eine Stadtansicht – halb Villen, halb Hütten – erlaubt Dialog. Dann reden wir über Architektur, über Systeme. Und wir können über Veränderung reden.“
Derzeit arbeitet er an immersiven Journalismus Formaten: Augmented und Virtual Reality sollen es ermöglichen, „in“ seine Bilder einzutreten und Geschichten von Bewohner:innen zu hören. „Ich bin kein Leica-Purist. Ich will die neueste Technologie und etwas cooles damit machen – alles, was uns anders sehen lässt.“
Auf der Suche nach einem gemeinsamen Horizont
In der anschließenden Diskussion ging es um Kolonialgeschichte, extraktive Ökonomien und Steuerpolitik. Miller selbst kehrte immer wieder zur Imagination zurück. „Das Problem ist nicht, dass es an Daten fehlt“, sagte er. „Es fehlt uns an einem gemeinsamen Nordstern. Die Klimabewegung hatte ihre zwei Grad. Bei der Ungleichheit wissen wir nicht einmal, woran wir messen wollen. Menschen sind sich immer noch uneinig darüber, ob Ungleichheit überhaupt existiert.“
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Source & Copyright ANSC
Und doch sah er Hoffnung: neue öffentliche Räume in Südafrika, die Gräben überbrücken; kollektive Sparsysteme afrikanischer Communities; und nicht zuletzt Berlin selbst – einst geteilt, heute Labor der Integration. Der Abend endete im Sinne des Clubs in einem intimen Gespräch. Menschen aus Mumbai, Kolumbien, Deutschland sprachen über Ungleichheit in ihrem Alltag und was sich lokal verändern ließe.
Miller verabschiedete sich mit einem Gedanken: „Jedes Bild ist eine Frage. Was passiert, wenn die Siedlung die Mauer erreicht? Was, wenn der Zaun nicht mehr genügt? Das sind keine südafrikanischen Fragen. Das sind Fragen für uns alle.“
Johnny Millers visionärer Ausblick
Was blieb, war nicht nur ein Wake-Up Call, sondern die Möglichkeit des Umdenkens. Von oben betrachtet erscheint Ungleichheit nicht mehr als Naturzustand, sondern als menschengemachtes Design – Linien, die man auch neu ziehen könnte.
Millers Fotografien sind weniger Nachruf auf unsere zerrissenen Gesellschaften als Einladung, sie neu zu entwerfen. In einer Zeit, die zwischen Verzweiflung und Verdrängung zu verharren scheint, eröffnet sein Werk einen dritten Weg: klar hinsehen, tief fühlen und neue Karten zeichnen. Nicht der Trennung, sondern gemeinsamer Zukünfte.
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