Talk mit Allon Libermann: Die Wahrheit über Powder-to-Liquid Produkte

“Das Problem der Pflegebranche ist nicht Transparenz, sondern Ethik - Marken wie Forgo müssen Verantwortung übernehmen, ihre Konsumenten über Nachhaltigkeit aufzuklären”

Interview mit Allon Libermann, Design Manager von From Us With Love und Co-Founder von Forgo

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© Forgo

Autor: Haus von Eden

Auf der Stockholm Design Week hat das internationale Designstudio From Us With Love sein Venture Forgo, eine Kosmetikmarke für Seife aus Pulver, vorgestellt. Das DIY Mischpulver und die minimalistische Flasche sind allerdings nicht nur designtechnisch ein Eye-Catcher - Das Start-up minimiert CO2 Emissionen und vermeidet Plastik im Namen der Nachhaltigkeit.

Im exklusiven Talk mit Haus von Eden hat Co-Founder Allon Libermann transparent erzählt, was genau es mit Forgo auf sich hat, welchen Herausforderungen sich umweltfreundliche Brands in der Kosmetik- sowie Pflegebranche stellen müssen und was sich verändern muss, um Nachhaltigkeit holistisch zu etablieren.

Seiner Ansicht nach liegt das Problem nicht nur in der Transparenz innerhalb der Industrie, sondern auch in mangelnder Konsumenten-Aufklärung. Zu oft vertrauen Verbraucher einfach auf Siegel und verstehen nicht die Komplexität der Herstellungsprozesse. Er erklärt uns zudem genau warum die Refills von Forgo rund 85% weniger CO2-Emissionen verursachen als Seifen in Plastikflaschen. Nicht zuletzt räumt er mit der in letzter Zeit laut werdenden Kritik, hinsichtlich der mangelnden Qualität von Seifenpulver, auf.

"Ein Phänomen der Nachhaltigkeit ist es stets Dinge zu kritisieren, die bereits auf einem guten Weg sind. Für uns sind Produkte mit positiveren Umweltauswirkungen und minimalem Qualitätsverlust definitiv die bessere Wahl als umweltschädliches Plastik."

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Allon Libermann - © Forgo

Forgo hat das Ziel Nachhaltigkeit durch gutes Design zu fördern

2018 hat alles mit einer Idee begonnen. Seife aus Pulver und Leitungswasser herzustellen und bei Bedarf eco-friendly Refills anzubieten. Allerdings hat es dann erstmal zwei Jahre gedauert, bis wir ein Labor fanden, das bereit war, nach unseren Vorstellungen zu produzieren. Einfach, weil es nicht der normale Weg ist, Dinge zu herzustellen - dabei sind es nur sechs Inhaltsstoffe. Trotzdem waren wir auf diese Suche angewiesen, weil wir keine Forscher sind. Als Designer liegt unser Fachwissen und unsere Kompetenz darin, Dinge auf die richtige Art und Weise zu gestalten, um Nachhaltigkeit voranzutreiben.

Unser Ziel ist es, nachhaltige Charakteristika mittels Design umzusetzen. Beispielsweise suchen wir Materialien, die keinen oder zumindest wenig Schaden anrichten. Wichtig ist, dass wir dabei in Schwellenwerten denken. Was ich damit meine, ist Folgendes: Auch Papier ist nicht 100% nachhaltig und es gibt gewisse Probleme mit der FSC Zertifizierung (unser Sachet ist FSC zertifiziert, Umschlag sowie Schachtel aus 90-100% recyceltem Altpapier). Trotzdem wissen wir, dass es kompromisslos besser als Plastik ist. Der Umwelt signifikant weniger Schaden zufügt. Es kann allerdings zu viel werden. Im Transfer heißt das, dass selbst das gesündeste Nahrungsmittel uns bei Überkonsum nicht gut tut. Also: Less is more.

Die Refills verursachen 85% weniger Emissionen als Seifen in Plastikflaschen: Was heisst das genau?

Allgemein wollen wir mit Forgo weniger verkaufen. Klar, einige mögen denken, dass das kein gutes Geschäftsmodell sei. Es geht aber um die Definition von „weniger“. Weniger bedeutet, dass jede unserer Nachfüllpackungen weniger Emissionen, Volumen sowie Inhaltsstoffe enthält. Wir wollen nur 12 Gramm Pulver verkaufen, die 250 Milliliter Seife ergeben. Die Emissionen werden auf der Grundlage von Lebenszyklen berechnet. Das bedeutet, dass Konsumenten ihre Emissionen durch den langfristigen Gebrauch unseres Produktes amortisieren. Also anfänglich angefallene Emissionen durch zukünftige Erträge ausgleichen.

Beweis gefällig? Wir haben uns mit Carbon Calories Founder Alexander Franzten zusammengetan, weil es sein Business Case ist, die CO2 Emissionen von Produktherstellern anhand allgemeiner Standards zu ermitteln. Für unseren Standard bezog er Einwegplastikflaschen mit Seife ein, die das gleiche Volumen wie unser Schaum haben. Er untersuchte die Auswirkungen dieser im Vergleich zu unserem Produkt über einen Monat, 12 Monate sowie 5 Jahre und den Versand ein.

Das Ergebnis: Ein Refill verursacht 85% weniger Emissionen als Plastikflaschen. Auch, wenn unsere Glasflasche einfach wegen ihrer Beschaffenheit energieintensiver als Plastik ist, handelt es sich eben um ein langlebiges Produkt. Nach circa einem Jahr der Nutzung erreicht die Flasche den Break-Even. Keine Schäden mehr für die Umwelt. Das gleiche gilt übrigens für Wasserflaschen aus Stahl - nachhaltig sind sie erst, wenn sie über einen längeren Zeitraum benutzt werden, sonst produzieren sie mehr Emissionen als Einwegplastikflaschen. Hier sollten Unternehmen definitiv transparenter werden!

 

© Forgo

Die Transparenz von Inhaltsstoffe ist fast unmöglich

Gerade bei Inhaltsstoffen ist es sehr schwierig, Transparenz über die Herkunft und Machart von Produkten zu erhalten. Selbst bei unseren Commitments - die Verwendung von Abfällen sowie pflanzenbasierten Inhalten für unsere Düfte - hat die Pflegebranche nämlich ein systemisches Problem: Es geht oft nur um Marketing. Es gibt im Grunde kaum Garantien oder festgelegte Kriterien für die Zertifizierungen. Selbst, wenn Inhaltsstoffe ökologisch einwandfrei geerntet oder ohne Erdölchemikalien hergestellt wurden, werden im Produktionsprozesse oft synthetische Stoffe genutzt, um die natürlichen Inhaltsstoffe zu extrahieren. Siegel müssen entlang des gesamten Wertschöpfungsprozesses gehen. Tun es aber nicht und verzerren somit den Wert einer Zertifizierung.

Stichwort Transparenz: Unsere Glasflaschen kommen aus Portugal und werden hauptsächlich mit erneuerbarer Energie hergestellt. Da Glas aber leider große Hitze benötigt, müssen wir teils auch fossile Brennstoffe verwenden. Unsere Bereitschaft diesen Deal einzugehen, stammt wieder von der Idee des Ausgleichs. Die Flaschen sollen 5 bis 10 Jahre halten und auch beim Wegwerfen ist ihre Umweltauswirkung besser. Es geht um Ressourcenintensität. D.h. Verhältnis von Ressourceneinsatz zu dem daraus erzielten Nutzen oder damit erzielten Ergebnis. Wenn es um Ressourcen geht, ist Recycling eigentlich die beste Methode. Recyceltes hat in jeder Produktkategorie einen geringeren CO2 Footprint als neue Materialien.

Der Wandel etablierter und automatisierter Industrieprozesse braucht mehr Zeit

Im Grunde geht es dabei um Kosten. Selbst wenn Brands nachhaltiger werden wollen, tun sie dies nicht, da es einfach mehr kostet. Die Prozesse sind so automatisiert, dass die Verwendung von Kunststoffen, Benzin und so weiter die Norm ist. Das bedeutet, dass das Abfüllen von Flüssigseife in Flaschen billiger ist als die Herstellung unserer Refill Packungen aus Papier. Lediglich, weil es die bestehende Lieferkette ist, die von Fabriken, Landwirtschaften und allen Beteiligten aufgebaut wurde. Um das zu ändern, braucht es noch mehr Zeit.

Außerdem wirkt es oft so, als seien Konsumenten nicht wirklich an Nachhaltigkeit, sonder an Zertifizierungen, wie dem Peta cruelty-free Logo oder dem Vegan-Siegel interessiert. Dabei hat fast jedes Produkt mindestens einen Inhaltsstoff, der von einer Landwirtschaft stammt, der durch seine Agrarkultur zur Abholzung der Wälder beiträgt. Und somit zum Hauptgrund des Verlustes der Wildtiere darstellt - mehr als 75% der Insektenpopulationen sind aufgrund von Landwirtschaft zurückgegangen, um unsere Kultur sowie unseren Lifestyle zu realisieren. Das ist nicht wirklich cruelty-free.

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© Forgo

Die Realität der Branche ist leider oft, dass falsche Versprechen verkauft werden, anstatt Konsumenten aufzuklären

Für mich ist Transparenz allein nicht genug, da Konsumenten das Verständnis dafür fehlt zu realisieren, was Zertifizierungen, Lieferketten und so weiter überhaupt bedeuten. Sie haben einfach nicht genug Zeit sich zu informieren. Würden sie das tun, würden sie feststellen, dass cruelty-free lediglich verspricht, dass nicht an Tieren getestet wurde. Nicht aber, dass das Produkt nicht zur Abholzung von Wäldern und somit Rückgang der Wildfauna beiträgt. Ähnliches gilt für Palmöl: Da der Handel über ein Gebotssystem funktioniert, stammt das Palmöl innerhalb eines Produktes von mehreren Farmen. Somit ist selbst RSPO zertifiziertes Palmöl nur zu einem Anteil verantwortungsvoll bezogen. Nur ein kleiner Teil innerhalb einer Massenbilanz.

Also, es ist mir wichtig hervorzuheben, dass das Problem nicht die fehlende Transparenz, sondern die fehlende Information sowie Aufklärung ist. Konsumenten nehmen Experten beim Wort, ihre Aufmerksamkeitsspanne geht nicht über kurze Versprechungen hinweg. Da Brands dies aus dem Anreiz des Profits heraus tun, geht es hier um eine Frage der Ethik. Oder vielmehr: Einen Mangel an Ethik, den viele Marken noch immer haben. Was wir brauchen ist ein Wandel des gesamten Systems. Deshalb halte ich Intelligenz sowie Innovation übrigens als die zukunftsweisenden Schlagwörter. Wir müssen Bestehendes verändern und Neues erfinden.

Marken agieren nicht unwissend, sondern sind dem Druck unseres Wirtschaftsmodells ausgesetzt

Fachleute in Unternehmen wissen, was Nachhaltigkeit ist und auch, wo sie versagen. Beim Vermarkten scheitert ihre Strategie also nicht daran, dass sie es nicht besser wissen, sondern an dem existierenden Wirtschaftssystem. Fakt ist, dass nachhaltige Produkte doppelt so teuer sind wie herkömmliche. Allerdings auch, dass Konsumenten ein 20-seitiges Papier lesen müssten, um zu verstehen, warum es teurer sowie besser für die Umwelt ist.

Aktuell lässt sich dazu ein positiver Trend beobachten: Viele Unternehmen betreiben umweltfreundliche Innenpolitik und setzen intern Nachhaltigkeitsagenden. So setzen Experten Ziele, die bestehende Strukturen revolutionieren - Auch, wenn der Kunde nicht weiß wieso. Irgendwann werden diese neu etablierten Praktiken zur Praxis sowie Norm - ohne umfangreiches Marketing. Ich glaube wirklich daran, dass Experten Verantwortung übernehmen müssen. Dass das die Entwicklung ist, die Wandel vorantreibt. Eine andere gute Sache - auch, wenn sie eher langsam geschieht - ist, dass die Regierungen neue Gesetze verabschieden muss, die Unternehmen zu besseren Leistungen verpflichten sowie ihnen Anreize bieten.

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© Forgo

Wir begrüßen Brands, die Forgo kopieren - nur so etablieren sich nachhaltige Praktiken im großen Stil

Bis diese Anreize allerdings großflächig in Kraft treten, gibt es auch andere Möglichkeiten für Brands nachhaltig zu agieren ohne Millionen auszugeben. 2020 haben wir zum Beispiel eine Crowdfunding Kampagne gestartet, um Aufmerksamkeit für Forgo zu wecken. Trotz Covid-19 und damit verbundenen Herausforderungen haben wir jetzt eine tolle Plattform, Handelspartner und Kunden.

Auch, wenn nachhaltige Produktion teurer ist, haben wir uns so eine Basis aufgebaut eco-friendly Produkte herzustellen. Neben der Verbesserung unserer aktuellen Range, wollen wir in 2022 rund 5 neue Produkte auf den Markt bringen. Und zwar jeweils nach dem gleichen Prinzip: Vom Pulver zur Flüssigkeit, vom Papier zur Flasche.

Interessant ist außerdem die gesamte Marktentwicklung. In den nächsten Jahren werden immer mehr Marken ähnliche Produkte wie wir lancieren - schon jetzt sehen wir viele Kopien. Das ist aber nicht negativ. Wir begrüßen diese Entwicklung sogar, weil wir mehr Marken brauchen, die diese Richtung einschlagen. Nur so können wir von chemischen sowie fossilen Brennstoffen loskommen und die Landwirtschaft fördern, um Plastik zu ersetzen. Wichtig dabei: Bäume allen reichen nicht. Auch Gräser und Bambus müssen als Alternativstoffe angebaut werden.

Ein Phänomen der Nachhaltigkeit ist es, stets Dinge zu kritisieren, anstatt vorauszudenken

Es stimmt, dass Hygiene und Qualität leiden können, wenn das Pulver zu Hause in Seife gewandelt wird. In Sachen Hygiene vertrauen wir aber unseren Konsumenten, ein sauberes Umfeld zu schaffen. Und während die Qualität der Inhaltsstoffe mit der Zeit abnimmt, verstehe ich oft nicht den Sinn hinter dieser Frage. Unser Produkt hält mehrere Monate - eine längere Haltbarkeit würde man doch auch nicht von einem natürlichen Produkt wie einem Apfel erwarten.

Um Nachhaltigkeit zu erreichen, müssen wir sie als Prozess akzeptieren und neue Perspektiven einnehmen. Wir arbeiten bereits mit einem Labor, um die Qualität noch besser zu machen. Wir haben diese Ambition. Trotzdem ist es ein Phänomen, in Sachen Nachhaltigkeit stets Dinge zu kritisieren, die bereits auf einem guten Weg sind. Für uns sind Produkte mit positiveren Umweltauswirkungen und minimalem Qualitätsverlust definitiv die bessere Wahl als umweltschädliches Plastik. Das mangelnde Vorausdenken ist eher ein Problem, als die Qualität. Holistische Nachhaltigkeit ist ein langer Weg - Schritt für Schritt, wobei allerdings klar ist, dass es um Fortschritt geht.

Vielen Dank für das Interview Allon!

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