Von der Vision zur Umsetzung: Stadtentwicklung gemeinsam neu denken

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Beim Salon „Building the City of the Future“ von Club of Rome Deutschland und Arts & Nature Social Club im Data Space Berlin wurde die Expo-Idee als Hebel für Infrastruktur, Klimaneutralität und städtische Teilhabe verhandelt.
Ein Auftakt in Rhythmus statt Rhetorik
Der Abend begann nicht mit Politik, sondern mit Rhythmus. Eine „World-Music“-Formation klang wie Berlin selbst: vielsprachig, unruhig, neugierig. Ihr Bandleader Alfred Mehnert, Leiter von Berlin Metropol Music, gab dem Ganzen eine Definition, die mehr nach Stadtsoziologie klang als nach Genre: „We play social music.“ Der Satz blieb hängen, weil er das Thema des Abends unbeabsichtigt vorwegnahm: Städte funktionieren nicht nur über Beton, Daten und Regeln, sondern über Beziehungen — und über das Gefühl, dass man miteinander einen Alltag teilt.
So passte es, dass der Club-of-Rome-Salon „Building the City of the Future: Cities, World Expos, and Stakeholders Driving Sustainability“ Kunst nicht als Dekoration, sondern als Methode behandelte. Die Veranstaltung, eine Kooperation zwischen Club of Rome Deutschland und dem Arts & Nature Social Club (ANSC), fand im Data Space Berlin statt. Moderiert und kuratiert wurde sie von Jörg Geier, der als Club-of-Rome-Mitglied sowie Mitgründer und Vorstand des ANSC bewusst Räume schafft, in denen Politik, Natur und Kultur sich nicht ausweichen. Seine Grundannahme: Nachhaltigkeit scheitert häufig nicht an fehlendem Wissen, sondern an fehlender emotionaler Verbindung. Menschen schützen, was sie fühlen können.

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Warum die Stadt der Zukunft nicht abstrakt ist
Auf dem Podium saßen Menschen, die die Stadt aus unterschiedlichen Höhenlagen betrachten. Franziska Giffey, Bürgermeisterin von Berlin und Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, sprach aus der Perspektive einer Verwaltung, die zwischen Ambition und Tagesgeschäft balanciert: Wohnungsdruck, Investitionen, Transformation der Wirtschaft, Klimaneutralität. Dimitri Kerkentzes, Generalsekretär des Bureau International des Expositions (BIE), vertrat die Institution, die Weltausstellungen vergibt und beaufsichtigt. Prof. Dr. Eckart Würzner, Oberbürgermeister von Heidelberg sowie Vorsitzender des UN Forum of Mayors und Vizepräsident des Deutschen Städtetags, brachte kommunale Praxis und internationale Städteperspektive zusammen.
Die Ausgangslage ordnete Dr. Hinrich Thölken ein, Mitglied des Aufsichtsrats der Expo-2035-Berlin-Initiative, Executive bei Capgemini und ehemaliger Klima-Botschafter. Seine Zahlen wirkten wie Schwerkraft: 1851, zur ersten Weltausstellung, lebten rund zehn Prozent der Weltbevölkerung in Städten, heute sind es etwa die Hälfte der Bevölkerung und bis 2050 voraussichtlich rund siebzig Prozent. Nachhaltigkeit ist damit keine abstrakte Strategie mehr. Sie entscheidet sich vor Ort in den Städten, wo Menschen wohnen, arbeiten und leben.
Die Expo als leere Leinwand
Dimitri Kerkentzes’ stärkster Beitrag war ein Bild, das in Berlin sofort verstanden wird: Die Expo sei eine „blank canvas“, eine leere Leinwand. Anders als manch anderes Großereignis komme sie nicht mit einem starren Pflichtkatalog, der später als „weißer Elefant“ herumsteht. Die eigentliche Wirkung liege nicht im sechsmonatigen Spektakel, sondern in dem, was vorher und nachher passiert: welche Infrastruktur gebaut, welche Kooperationen forciert, welche Lernräume geöffnet werden. Gerade weil es kein Regelbuch gebe, müsse eine Gastgeberstadt nicht nur die Welt überzeugen, sondern zuerst sich selbst. Bürgerinnen und Bürger seien „am schwierigsten zu überzeugen“, weil sie Kosten, Baulärm und Geduldsprobe tragen und am Ende eine klare Antwort brauchen, was konkret bleibt.

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Von Expo Osaka nach Berlin: Wenn Staunen zu Infrastruktur wird
Franziska Giffey erzählte im Anschluss, wie Skepsis sich durch Anschauung verschieben kann. In Osaka, berichtete sie, habe sie nicht nur Architektur gesehen, sondern ein geordnetes Massenritual: Menschen warteten stundenlang, mit kleinen Hockern und Proviant, ohne jene gereizte Aggression, die man aus europäischen Warteschlangen kennt. Was sie beeindruckte, war weniger Technik als Verhalten und ein Mobilitätssystem, das Besucherströme aufnahm, ohne zu zerbrechen. „Seeing is believing“ wurde bei ihr zur politischen Beobachtung: Zustimmung wird wahrscheinlicher, wenn Zukunft als Erfahrung auftaucht, nicht nur als Folie.
Wenn Berlin eine Expo ausrichte, sagte Giffey, müsse mindestens eine Infrastruktur bleiben, die den Alltag besser macht. Ihr Beispiel war konkret: eine direkte U-Bahn-Verbindung, die U7, vom Zentrum zum Berliner Flughafen. Nicht als Umweg, sondern als verlässliche Achse, die auch nach dem Abbau der Pavillons funktioniert. So wird aus dem Event ein Werkzeug und es entsteht ein Zeitfenster, in dem Projekte, die sonst zwischen Zuständigkeiten und Wahlperioden festhängen, plötzlich zwingend werden.
Heidelberg als Gegenmodell: Beteiligung statt Blaupause
Professor Würzner ergänzte die Debatte um eine Lehre aus Heidelberg: Legitimität entsteht nicht durch Hochglanz, sondern durch Beteiligung und klare Standards. Nach Krisen und dem Freiwerden großer Flächen, so sein Bericht, habe Heidelberg nicht auf eine Vision „von oben“ gesetzt, sondern auf einen dialogbasierten Prozess. Was soll entstehen, für wen, und unter welchen Klimazielen? Dann folgte der harte Schritt zur klimaneutralen Entwicklung als Standard, welches durch Passivhausprinzipien in einem ganzen Quartier umgesetzt wurde. Erst habe der Markt gezögert, aber später sei es zur wirtschaftlichen Logik geworden, weil Qualität und Betriebskosten zählen.
Knotenpunkte, Nachbarschaften, Sinn
In der Diskussion aus dem Publikum wurde die Debatte breiter. Katrin Habenschaden, Nachhaltigkeitschefin der Deutschen Bahn, plädierte dafür, Mobilität nicht auf Gleise zu verkürzen: Entscheidend seien Knotenpunkte, gedacht als „Mobility Hubs“, an denen Verkehrsmittel wirklich verknüpft werden. Ein weiterer Beitrag von Heskel Nathaniel, Immobilienentwickler und Gründer von Trockland, erinnerte daran, dass urbane Qualität nicht allein aus Emissionskurven entsteht, sondern Städte dauerhaft an Wert gewinnen, wenn sie Beziehungen ermöglichen – Nachbarschaft, Vertrauen, das Gefühl, dass eine Stadt mehr ist als ihr Plan.
Zwischen all dem lag die stille Gegenfrage, die Berlin immer mitführt: Wie verhindert man, dass große Projekte die Stadt nur polieren, statt sie zu heilen? Jörg Geier schloss den Abend mit Worten, die eher nach Literatur als nach Verwaltung klangen: Träume, Empowerment von unten und die „Seele“ der Stadt — als etwas, das man nicht verordnen kann, aber sehr wohl bauen: durch bezahlbares Wohnen, durch Mobilität, die Leben verbindet, durch öffentliche Orte, die nicht nur funktionieren, sondern Zugehörigkeit erzeugen.

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Ein optimistischer Blick nach vorn
Am Ende wirkte die Initiative Expo 2035 Berlin weniger wie eine Bewerbung um Glanz, sondern wie ein Test auf Ernsthaftigkeit. Richtig gedacht, hilft eine Expo rückwärts zu planen, ausgehend davon, was Bewohnerinnen und Bewohner 2040 und 2050 brauchen. Dann erst stellt sich die Frage, welche globale Bühne diese Arbeit beschleunigt, ohne sie zu verzerren. Für Berlin wäre das die eigentliche Kunst: Vielfalt in Kreativität zu übersetzen und Kreativität in Infrastruktur. Wenn die „leere Leinwand“ klug genutzt wird, entsteht nicht nur ein Ereignis, sondern ein Versprechen, das bleibt.
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