Warum die Fashion Supply Chain einen klaren Reset braucht

Komplexe und intransparente Lieferketten sind die derzeit größte Herausforderung der Modeindustrie - Lösungsansätze erfordern neue Standards und Innovation

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Autor: Haus von Eden

Aktuell gibt es keine geregelten und einheitlichen Standards, welche definieren, was nachhaltige Mode ausmacht. Das hat oft irreführende Behauptungen seitens der Unternehmen zur Folge, wenn es um deren Einsatz für die Umwelt geht. Natürlich, umweltfreundlich, bio – das sind nur einige Begriffe, mit denen Marken ihre Produkte gerne öffentlich als nachhaltig positionieren. Werden diese Begriffe zu Marketingzwecken genutzt, ohne klare und messbare Ziele, so ist dies in der Branche längst als Greenwashing bekannt. Hier sind einige Lösungsansätze, wie man die Lieferketten der Mode aufbrechen kann.

Wann ist Mode nachhaltig?

Natürlich ist nicht gleichzusetzen mit nachhaltig. Materialien natürlichen Ursprungs wie Viskose oder Bambus sind nicht direkt umweltfreundlich, dies hängt unter anderem von deren Gewinnung ab. Laut Canopy werden jedes Jahr mehr als 200 Millionen Bäume für die Viskose-Produktion gefällt, wodurch das Material maßgeblich für die Abholzung verantwortlich ist, sofern diese nicht aus einer zertifizierten Quelle stammen. Bambus wächst zwar schnell nach, wird allerdings beim Anbau oft mit Pestiziden und bei weiterer Verarbeitung ebenfalls chemisch bearbeitet.

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Vegane Alternativen zu Leder und Pelz werden in der Mode aktuell hoch angepriesen. Da die Materialien keinen tierischen Ursprung haben, genießen sie ebenfalls einen nachhaltigen Ruf. Nicht selten bestehen diese jedoch aus erdölbasiertem Plastik, was dem Planeten ebenso schadet. Echte Materialinnovationen wie Mylo™ oder Pinatex® versuchen hingegen vegane Textilien auf Basis von Pilzen oder Ananasblättern herzustellen.

Komplexe Lieferketten fördern Intransparenz

Die Umstrukturierung für Unternehmen zur Nachhaltigkeit bedarf mehrerer Faktoren und ist ein langwieriger Prozess. Der kritischste Erfolgsfaktor auf der Nachhaltigkeitsagenda ist dabei allerdings die Transparenz der Lieferkette. Mit 70% der gesamten Emissionen in der Modeindustrie hat die Wertschöpfungs- und Lieferkette den größten Einfluss auf den ökologischen Fußabdruck.

Zudem beziehen Fashion Labels verschiedenste Materialien von unzähligen Produzenten, was die Komplexität der Lieferketten nur erahnen lässt und eine Rückverfolgbarkeit nahezu unmöglich macht. Das erschwert die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit und ermöglicht Manipulationen. Laut PwC haben lediglich 40% der Unternehmen eine Einsicht in die Emissionen ihrer Produzenten, während nur 7% davon die Übersicht von den Lieferanten der Rohmaterialien besitzen, was zur großen Herausforderung der Verfügbarkeit geprüfter Materialien führt. Erschwert wird dies zudem durch die fehlende Segmentierung sowie langsam voranschreitende Digitalisierung.

Ökologische Herausforderungen in der Supply Chain

Nachhaltigkeit beginnt aber bereits viel früher - das Produktdesign bestimmt durch die Auswahl der Materialien, welche für das Kleidungsstück ausgewählt werden, maßgeblich die Struktur der Lieferkette als auch das Recycling. Die Anzahl der ausgewählten Materialien sowie die verwendeten Chemikalien erschweren das Recycling und steigern den Ressourcenverbrauch. Mischtextilien können oftmals gar nicht recycelt werden, da die Materialien nicht trennbar sind. Auch die Farbauswahl und verwendeten Farbstoffe sind entscheidend.

Laut dem "New Textiles Report" der Ellen McArthur Foundation beläuft sich der jährliche Wasserverbrauch der Modeindustrie auf 93 Milliarden Kubikmeter. Ein erheblicher Teil des verbrauchten Wassers endet aufgrund von beinhalteten Farbstoffen, Salzen, Alkalien und Schwermetallen als untrinkbares Abwasser, welches zusätzlich illegal in die Flüsse und Meere geleitet wird und zur Beeinträchtigung des Ökosystems führt.

Mode Supply Chain Lieferketten

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Potenzielle Lösungen für mehr Transparenz in der Supply Chain

Viele nachhaltige Unternehmen wie Everlane oder Asket zeigen zum Beispiel seinen Verbrauchern bei jedem Produkt die Produktionsstätte an. Zur Erhöhung der Transparenz müssen Unternehmen unterschiedliche Aspekte der Lieferkette priorisieren. Ausschlaggebend sind dabei folgende Kriterien:

  1. Produktionsrichtlinien und Standards aufsetzen
  2. Wasser- und Energieverbrauch kontrollieren
  3. Bereitstellung nachhaltiger Rohstoffe und Materialinnovation
  4. Faire Arbeitsbedingungen
  5. Reduktion von giftigen Chemikalien
  6. Recycling und zirkuläre Produktionsabläufe

Einsatz von Next-Gen-Materialien

Während Wasserverschwendung und die daraus resultierende Wasserknappheit beispielhaft einer der kritischen Faktoren auf der Nachhaltigkeitsagenda ist, gibt es auch hierzu bereits potenzielle Lösungen wie biologisch inspirierte Materialien. Beispielsweise produziert eine Mikrobe, welche abhängig von dem PH-Wert, in dem sie sich befindet, Pigmente und ermöglicht dadurch verschiedene Effekte auf dem Stoff. Ausschlaggebend für diese Methode ist, dass man hierbei 500-mal weniger Wasser verbraucht, als bei den üblichen Färbeprozessen und es zu keinem Einsatz von Chemikalien kommt.

Das Unternehmen Colorfix setzt auf die Verarbeitung von Melasse - ein Nebenprodukt von Zucker, zur Färbung von Textilien. Desweiteren nutzt die Biotech-Firma die Nebenprodukte von Biokraftstoffen zum Fixieren, was der giftigste Prozess des Textilfärbens ist. Durch Weiterverwenden der Abfallprodukte wird 10-mal weniger Wasser und 20-mal weniger Energie verbraucht.

Mode Supply Chain Lieferketten

Quelle & Copyright by Colorfix

Die Next-Gen-Materialien, welche die Modeindustrie revolutionieren sollen, sind nachhaltiger, als die zu ersetzenden Stoffe und haben keinen tierischen Ursprung. Sie sind ökologisch, sozial und wirtschaftlich. Das niederländische Unternehmen Qorium lässt die Zellen einer Kuh zu Leder wachsen, während MycoWorks landwirtschaftliche Abfälle zu Myzel verarbeitet, welches als Leder genutzt werden kann. Der gesamte Prozess nimmt dabei ein bis zwei Wochen Zeit und recycelt Ressourcen zu einem Produkt, welches gänzlich abbaubar ist und ohne Chemikalien fertiggestellt wird.

Ein weiteres Unternehme, Spinnova, hat es sich zum Ziel gesetzt die sauberste Faser der Welt herzustellen. Die Spinnova-Faser ist dabei ohne schädliche Chemikalien, hat einen minimalen Wasserverbrauch sowie CO2-Ausstoß, enthält kein Mikroplastik und ist zu 100 Prozent zirkulär. Andere Recycling-Vorreiter wie Econyl® und Repreve® verarbeiten Nylonabfälle sowie Polyesterreste zu neuen Textilien.

Die Umsetzung erfordert definierte Verfahren und Anforderungen:

Drei Faktoren müssen dabei vorwiegend betrachtet werden: Die Quelle der Rohstoffe, die Produktion einschließlich die Fabriken und die Arbeitsbedingungen, sowie das Vertriebsnetz. Dabei müssen klare Verfahren und definierte Anforderungen gesetzt werden:

  • Risiken der fehlenden Supply Chain Transparency erkennen
  • Richtlinien für alle Lieferanten der Supply Chain definieren
  • Die Messbarkeit der Transparenz ermöglichen
  • Klare Kommunikation nach innen und nach außen
  • Kollaboration und Digitalisierung

Durch den Einsatz digitaler Technologien wie Blockchain können Daten effizienter erhoben und verarbeitet werden, um qualifizierte Entscheidungen in der Frage der Nachhaltigkeit zu begünstigen. Blockchain-Technologie ermöglicht unter anderem somit mehr Transparenz, sichert vor Manipulationen und bietet Kontrollmöglichkeiten in dem Vertrieb. Transparenz in der Supply Chain kann maßgeblich einen positiven Effekt auf die Entwicklung der Unternehmen in Richtung Nachhaltigkeit beeinflussen.

Durch die wachsende Biodesign-Bewegung sowie ein voranschreitendes digitales Fashion-Angebot finden sich nun zahlreiche Optionen auf dem Markt, welche den Umstieg auf nachhaltige Mode für die Unternehmen erleichtern. Während die Umstellung auf recyclebare Stoff-Alternativen sowie der Einsatz modernster Technologien eine der einfacheren Aufgaben ist, braucht es jedoch seitens der Unternehmen zuallererst die Einsicht und das Ziel, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch zu arbeiten.

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