Ethischer Schmuck: Ein Gespräch mit den Gründerinnen von 202 EDITIONS

Eine Kombination von Tradition und Moderne im Gestaltungsprozess, aber die handwerkliche Arbeit am Werktisch ist es, was das Schmuckstück mit Leben füllt und Wertigkeit verleiht.

Interview mit Karin Heimberg und Maryvonne Wellen, Gründerinnen von 202 EDITIONS

202 EDITIONS Interview Cover
Copyright by Volker Conradus - Source by 202 EDITIONS

Autor: Haus von Eden

In unserem Interview mit Karin und Maryvonne, den Gründerinnen von 202 EDITIONS, tauchen wir in die Welt des ethischen Schmucks ein. Erfahren Sie, wie die Leidenschaft der zwei Goldschmiedinnen für Handwerkskunst und Design sie dazu inspirierte, ihr eigenes Label zu gründen, und wie sie ihre traditionelle Ausbildung mit modernen Ansätzen verbinden. Ein Gespräch über Innovation, Verantwortung und die Zukunft des Schmucks.

202 Editions Portrait

Founder of 202 Editions: Karin Heimberg & Maryvonne Wellen - Copyright by 202 Editions

Wolltet Ihr schon immer ein eigenes Label gründen oder gab es einen besonderen Moment, der Euch dazu inspiriert hat?

202 EDITIONS haben wir gegründet, um unsere Leidenschaften und den eigenen Ideen, Vorstellungen und Werte ohne Kompromisse zu verfolgen und umzusetzen.

Für uns stand zunächst unabhängig voneinander fest, dass wir irgendwann ein eigenes Schmucklabel gründen möchten. Für mich (Karin) war aber von Anfang an klar, dass ich dies nicht alleine, sondern im Team machen möchte. Maryvonne war es im Endeffekt, die mich gefragt hat, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihr zusammen eine Neugründung zu wagen. Relativ schnell haben wir dann den Entschluss gefasst, 202 EDITIONS zu gründen.

In unserer beruflichen Laufbahn haben wir unterschiedlichste Einblicke in diverse Positionen der Schmuck- und Designbranche erhalten und waren auch in der Hochschullehre beruflich eingebunden, so dass wir aus unseren Erfahrungen, Wissen und Haltung heraus genau wussten, was wir anders machen möchten.

Was habt Ihr in Eurer traditionellen Ausbildung zur Goldschmiedin gelernt - und was macht Ihr heute anders?

In der Ausbildung haben wir das Handwerk, die Herstellung von Schmuck als Unikat mit den unterschiedlichen Techniken von Grund auf gelernt, Karin in Deutschland und ich (Maryvonne) in den Niederlanden. In der Ausbildung gibt man sich ganz dem Handwerk hin, erlernt traditionelle Techniken, um auch komplizierte Schmuckstücke umzusetzen. Im Design-Studium haben wir dann die gestalterische Freiheit genossen, diverse digitale Tools und Technologien in unseren Gestaltungsprozessen genutzt und auch angefangen, in Serie zu arbeiten, jede von uns hat dabei ihre eigenen Schwerpunkte verfolgt.

Bei 202 EDITIONS verbinden wir die Einflüsse beider Ausbildungen. Wir entwickeln unsere Schmuckkollektionen sehr konzeptionell und setzen erste Entwürfe analog oder digital um.

Unsere vier Signature-Profile, auf denen unsere gesamte Gestaltung der Schmuckkollektionen aufbaut, haben wir zunächst komplett digital entwickelt. Umgesetzt haben wir es aber z.B. in einem eigenen Zieheisen, einem traditionellen Werkzeug, was dem Silber und Golddraht die gewünschte Form verleiht, bevor es dann weiter zu einem Schmuckstück verarbeitet wird.

An diesem Beispiel kann man ziemlich gut sehen, dass wir analog und digital, Tradition und Moderne immer wieder im Gestaltungsprozess kombinieren und zusammenfließen lassen - wobei die Umsetzung und die handwerkliche Arbeit am Werktisch das ist, was das Schmuckstück mit Leben erfüllt und ihm eine einzigartige Wertigkeit verleiht.

Was sind kurz gesagt die Werte von 202 Editions?

202 EDITIONS steht für Schmuck mit Wiedererkennungswert und zeitlosem Design. Wir kreieren Schmuckstücke in limitierten Auflagen aus ausschließlich recyceltem Silber und Gold, ergänzt mit ausgesuchten vintage Edelsteinen. Die Liebe zur Handwerkskunst, gepaart mit einem ganzheitlichen Verantwortungsverständnis spiegeln hierbei unsere Haltung wieder.

202EDITIONS-Werkstatt

Copyright by 202 Editions - Source by 202 Editions

Welchen Stellenwert nimmt die traditionelle Handwerkskunst für Euch in einer Welt voller Fast Consumer Goods ein?

Das Handwerk an sich und die Dinge, die man herstellt, haben eine andere Wertigkeit, sie besitzen noch die Spuren der Arbeit und tragen auch immer mehr Leben und etwas Charakteristisches in sich, sie transportieren eine besondere Ausstrahlung.

In unserer neuen Kollektion, welche wir Ende November 2023 launchen, arbeiten wir in einigen Schmuckstücken gezielt sehr händisch und lassen die Spuren des Herstellungsprozesses mit einfließen. Die vermeintliche Perfektion stellen wir dem Organischen, mit den Händen geformten, gegenüber.

Ihr arbeitet mit einem besonderen Produktionsmodell: On Demand. Wieso habt Ihr Euch dazu entschieden?

Wir bezeichnen uns selbst als ein verantwortungsbewusstes Schmucklabel und gehen dementsprechend mit den Ressourcen, die wir für die Herstellung unseres Schmucks nutzen, um. Das bedeutet auch, dass wir keinen „Dead-Stock“ produzieren wollen. Gerade weil wir auch in limitierter Auflage von 202 Stück pro Design arbeiten, unterstreicht das Arbeiten On-Demand auch hier unseren Gedanken.

Die Schmuckindustrie steht häufig in der Kritik, insbesondere aufgrund von prekärer Materialbeschaffung und Missständen bei der Herstellung. Wie hebt sich 202 Editions davon ab?

Wir haben uns von Anfang an gefragt, was für Werte wir in unserem Unternehmen leben wollen und was wir mit unserem Label transportieren möchten. Es war ein ganz entscheidender Grund für uns, in die Selbständigkeit zu gehen, um dies zu realisieren. Wir wollen der Schmuckindustrie zeigen, dass es als ein wertebasiertes Unternehmen mit einem Fokus auf eine ressourcenschonende, soziale und gesellschaftlich verantwortungsvolle Weise möglich ist, Schmuck herzustellen. Gemeinsam mit nachhaltigen Schmucklabels wollen wir so natürlich auch ein Umdenken in der Branche fördern.

Neben einer sehr kurzen Lieferkette und regionalen Lieferanten, verzichten wir zum Großteil auf industrielle Vorprodukte, um unsere Lieferkette genau überblicken zu können. Wir verzichten auf Oberflächenbeschichtungen, um die Langlebigkeit der Schmuckstücke zu garantieren und das Recyceln möglichst einfach zu gestalten. Zudem wollen wir so wenig wie möglich aufwändige chemische Prozesse in Anspruch nehmen zu müssen.

202 EDITIONS Interview

Copyright by Volker Conradus - Source by 202 EDITIONS

Mit welchen Materialien arbeitet Ihr und warum?

Wir arbeiten ausschließlich mit recyceltem Silber und Gold aus deutschen Scheideanstalten. In unserer neuen Kollektion werden wir in einigen Schmuckstücken außerdem mit ausgesuchten Vintage-Edelsteinen arbeiten. Das sind Edelsteine die meist schon in einem Schmuckstück gefasst waren oder aus sehr, sehr alten Lagerbeständen stammen. Wir möchten ausschließlich Materialien nutzen, die sich bereits im Kreislauf befinden und so das Abbauen von endlichen Ressourcen mit der einhergehenden Umweltzerstörung und den oft prekären Arbeitsbedingungen nicht weiter fördern.

Trotzdem gibt es unglaublich viele Menschen, die von dem Edelmetallabbau abhängig sind. Hierfür unterstützen wir die “Earthbeat Foundation” mit 1% unseres jährlichen Umsatzes. Guya Merkle und ihre Stiftung baut mit den unterschiedlichen Communities eine alternative Einkommensquelle auf, sodass im Anschluss die Goldminen geschlossen werden. Gleichermaßen unterstützen wir die niederländische Stiftung “Mama Cash”, die Frauen-, Mädchen- und Trans-Gruppen im globalen Süden mit finanziellen Mitteln, Know-how und Vernetzungsmöglichkeiten unterstützt, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Lässt sich das Arbeiten mit recycelten Edelmetallen skalieren oder wird es ein USP für nachhaltige Labels im (Slow) Luxury Bereich bleiben?

Recyceltes Edelmetall wird oft ausschließlich den nachhaltigen Schmucklabels zugeordnet. Dies ist auch richtig und wichtig, denn hier wird besonders auf eine “saubere” Lieferkette und Herstellungsprozesses geachtet. Um die gesamte Thematik zu erfassen muss man den Blick allerdings etwas weiten und den gesamten Zusammenhang betrachten:

Durch den Materialwert wurde schon immer, solange es Schmuck gibt, sehr auf das Wiederverwenden und Recyceln von ganzen Schmuckstücken und Produktionsabfällen jeglicher Art geachtet. Hinzu kommt, dass Deutschland ein rohstoffarmes Land ist, was das Recyceln nochmal attraktiver macht, sodass heute 85-90% des in Deutschland von Scheideanstalten verarbeiteten Goldes Recycling-Gold ist.

Vor diesem Hintergrund ist das Skalieren natürlich möglich. Damit das Verwenden von recyceltem Edelmetall aber auch weiterhin möglich ist, sollte man sich gerade als nachhaltiges Label gezielt dafür einsetzen, dass man einen Beitrag zum Schließen des Edelmetallkreislaufes leistet.

202EDITIONS_Werkstatt

Copyright by 202 Editions - Source by 202 Editions

Wie schätzt Ihr die Entwicklung der Schmuckbranche in den nächsten 5 Jahren ein?

Das schließt ein wenig an die vorige Antwort an: Wir als Teil einer Industrie aber auch persönlich als Verbraucher:in und Konsumten:in müssen das sogenannte Urban-Mining auf die Spitze treiben und endlich die tausenden elektronischen Geräte, die bei uns Zuhause neben dem alten Schmuckstück der Großtante in den Schubladen und Kellern schlummern, recyceln und in den Kreislauf zurückführen.

In der Chip- und Halbleiterindustrie wird in einem einzelnen Produkt relativ wenig Gold (wenige Zehntel Gramm) verwendet, doch die schiere Masse der Produkte macht dies zu einer unglaublich großen Quelle an materiellen Ressourcen.

Die Industrie muss hier ihren Blick weiten. Wir dürfen nicht nur das Schmuckstück der Großtante umarbeiten oder wieder einschmelzen, sondern müssen uns gezielt breiter aufstellen und alle materiellen Ressourcen wertschätzen und in den Kreislauf zurückbringen. Dies wird in Zukunft eine wesentliche Rolle einnehmen und die Kreislaufwirtschaft weiter fördern.

Vielen Dank für das Interview Karin und Maryvonne.

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