Digital Couture als Zukunft der Modeindustrie?

Im Technologiezeitalter ist digitale Mode vielleicht die Antwort auf den notwendigen Wandel innerhalb der Fashionindustrie

Interview mit Michaela Larosse, Head of Strategy bei The Fabricant

The Fabricant Digital Fashion
Source & Copyright by The Fabricant

Autor: Haus von Eden

Ein herkömmliches T-Shirt benötigt in der Herstellung 683 Liter Wasser und produziert 7,8 kg CO2. Bei einem digitalen T-Shirt fällt der Wasserverbrauch ganz weg und der CO2-Fußabdruck schrumpft auf 0,26 kg. Auch die Umweltverschmutzung durch die Verarbeitung von giftigen Chemikalien in der Design- und Produktionsphase wird somit von 12.300 kg auf 0,692 kg reduziert. Demnach hat die digitale Mode die Nase vorn, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Allerdings ist die Modeindustrie vor allem in Sachen Innovationen sowie Digitalisierung festgefahren.

Michaela Larosse, Head of Strategy bei The Fabricant hat uns im Interview erklärt, was hinter dem spielerischen Ansatz von Digital Couture steckt und wie das Zukunftspotential aussieht.

Digitale Mode als Weltretter?

Die physische Modeindustrie habe viele langjährige Probleme wie beispielsweise Umweltvergiftungen, Ausbeutung natürlicher Ressourcen sowie unethische Arbeitspraktiken in der gesamten Lieferkette. Diese gibt es nach Ansicht von The Fabricant bei Digital Couture nicht, oder nur in deutlich geringeren Maßen. "Ein Umdenken in der gesamten Branche ist längst überfällig. Die digitale Mode steht für einen radikalen Mentalitätswandel und stellt in Frage wie wir im derzeitigen Technologiezeitalter über Mode denken und sie erleben. Für Designer*innen sowie Modefans eröffnet sich eine neue, unbegrenzte Palette kreativer Ausdrucksmöglichkeiten", erklärt Michaela Larosse.

digital fashion look von the fabricant

Source & Copyright by The Fabricant

Digital Couture: Mehr als nur digitale Einkleidung

Diese Innovation sei ein Mittel, die eigene Identität im nicht-physischen Raum zum Ausdruck bringen zu können. "In einigen Jahren werden wir über Avatare oder digitale Zwillinge verfügen, die es uns ermöglichen, in der Metaverse zu interagieren und zu handeln." Derzeit entwickelt The Fabricant eine kollaborative digitale Modeplattform, die darauf abzielt, die Art und Weise, wie wir Mode kreieren sowie abwickeln, neu zu kalibrieren.

"Ein wichtiger Teil unseres Glaubenssystems ist die Demokratisierung der Modeschöpfung. Hierbei hat jeder die Möglichkeit, Kleidungsstücke zu entwerfen sowie seine eigene digitale Modemarke zu entwickeln", erklärt Michaela Larosse. Es handle sich um eine völlig neue Denkweise, bei der vor allem Exklusivität sowie Verantwortung für Ästhetik einer Marke bei einem einzelnen "Autor" liege.

Analoge Modeindustrie im Stillstand der Digitalisierung

In den Augen von Michaela Larosse sei die traditionelle Mode sehr resistent gegen Veränderungen und stecke in der alten Denkweise fest. "Die Modeindustrie ist die letzte Kreativbranche, die sich digital transformiert, während Film, Musik sowie Fotografie alle eine stark etablierte digitale Kultur haben." Die Pandemie habe allerdings zu einer Beschleunigung beigetragen. Die Modeindustrie müsse die Notwendigkeit erkennen, sich stärker auf jüngere Generationen auszurichten.

Vor allem die Gen Z verlangen eine nachhaltigere sowie zugänglichere Modewelt. Michaela Larosse findet dazu klare Worte: "Diese Generation sind echte Digital Natives, die nichts von einer Welt vor der Technologie wissen. Wenn physische Marken relevant bleiben sollen, müssen sie ihre digitale Transformation beschleunigen, um ihre zukünftige Zielgruppen anzusprechen."

Source & Copyright by The Fabricant

Was fehlt noch, damit sich die digitale Mode durchsetzt?

Schon aus der Welt der Gamification sei digitale Mode etabliert. "Digital Couture greift diese Idee auf und führt sie auf ein viel höheres Niveau", erklärt Michaela Larosse. Physische Modemarken hätten verstanden, dass die weltweiten Umsätze für In-Game-Käufe riesig seien und entwickeln sich nun in diesem Bereich weiter. Michaela Larosse hält einen Wandel in naher Zukunft für möglich, sobald die notwendige Technologie dafür fertiggestellt ist. Sie rechnet damit für Anfang 2022.

"Im Wesentlichen braucht es digitale Ganzkörperfilter, mit denen man einfach ein digitales Kleidungsstück auf dem Bildschirm tragen kann. Es wird jedoch noch etwas dauern, bis das visuelle Erlebnis soweit ist". Dabei handle es sich um fortschrittliche Versionen von Applikationen wie Snapchat , wo man sich sofort mit Katzenohren sehen kann. Für Digitale Fashion sollte man das Kleidungsstück mit einem Klick anprobieren und sich um 360° drehen können. Der Stoff soll sich dabei schön bewegen und natürlich fallen, wie das Design es vorsieht.

Digitale Mode als eine Art Kryptokunst

Die Arbeit hinter Digital Couture habe starke Berührungspunkte mit der Welt der Kryptokunst: "Wie die Kryptokunst ist auch die digitale Mode zu einer neuen Art von digitalem Sammlerstück geworden, welches als eine Art visuelle Kryptowährung mit eigenem Markt sowie Wert gehandelt werden kann." Doch auch im analogen Alltag würde die Digitalisierung der Modeindustrie einige Vorteile mit sich bringen:

"Physische Modemarken hoffen die Verschwendung von Retouren sowie Umtausch durch digitale Anproben zu lösen." Denn es sei einfacher über das Programm, die korrekte Passform eines Kleidungsstückes zu finden. "Die Verbraucher haben auch verstanden, dass digitale Kleidung es ihnen ermöglicht, verspieltere Kleidungsstücke anzuprobieren, die in der realen Welt unmöglich wären", erläutert Michaela Larosse.

Source & Copyright by The Fabricant

So profitieren Legacy Marken von digitaler Kollaboration

Die Kollaboration mit der analogen Welt bringt die Möglichkeit komplexe Lieferketten zu entflechten: "Wenn wir mit physischen Marken zusammenarbeiten, greifen wir digital in ihre Lieferkette ein. Wir setzen 3D-Sampling-Techniken ein oder erstellen digitale Marketing-Assets für ihre Kollektionen. Beides trägt dazu bei, ihren CO2-Fußabdruck zu verringern sowie den Ressourceneinsatz zu optimieren." Es sei zu wünschen, dass traditionelle Marken beginnen würden, Teile ihres Inventars in digitale Artikel umzuleiten. "Die Umstände auf unserem Planeten verlangen, dass wir unsere Vorstellungen von Eigentum und Konsum überdenken", hält Michaela Larosse fest.

Neue Blockchain Technologie reduziert umstrittenen Energieverbrauch

Die kontinuierliche Verfolgung der Diskussion um Blockchain, DeFi und NFTs sei als Schöpfer innerhalb der digitalen Welt unerlässlich. "Im Moment wird für die Prägung eines Stücks auf der Blockchain ein Protokoll namens Proof-of-Work verwendet, das sehr energieintensiv ist. Aber schon sehr bald, gegen Ende 2021, wird es einen Übergang zu einem neuen Validierungsprotokoll auf der Ethereum-Blockchain namens Proof-of-Stake geben." Dies würde eine enorme Verringerung des Energieverbrauchs mit sich bringen, der die derzeitigen Auswirkungen um mehr als 90% reduzieren könnte. Larosse hält dies für eine radikale Veränderung hinsichtlich der mangelnden Nachhaltigkeit von NFTs.

Auf dem Weg zur Demokratisierung der Modebranche

Auch in der digitalen Mode hängt die Preisgestaltung von Faktoren innerhalb der Wertschöpfungskette ab. Es handle sich um Aspekte wie Zeitaufwand, Fähigkeiten und Uniqueness. Michaela Larosse erklärt den Prozess wie folgt: "Eines unserer digitalen Couture-Sammelstücke in Einzelauflage ist sehr arbeitsintensiv und natürlich auch selten. Unser gesamtes Team aus digitalen Modedesignern, 3D- sowie Visual-Effects-Spezialisten ist an der Erstellung beteiligt und erreicht ein Niveau, vergleichbar mit der Filmindustrie."

The Fabricant folge jedoch der Philosophie jedem den Zugang zu digitaler Mode zu ermöglichen. "Die digitale Mode muss ein offener, freier und kreativer Raum sein, welcher den aktuellen Status quo der Mode herausfordert und alle zur Beteiligung aufruft." Es soll eine neue Industrie geschaffen werden, die für das 21. Jahrhundert sowie darüber hinaus angemessen ist. "An der Schnittstelle zwischen Mode und Technologie zu arbeiten bedeutet, dass wir in einem sich schnell entwickelnden Bereich tätig sind. Uns stehen alle Möglichkeiten offen, da neue Fortschritte in der Software es uns ermöglichen, neue Wege zu finden, uns auszudrücken. Es ist ein aufregender sowie kreativer Ort, an dem wir sind."

Vielen Dank für das Interview Michaela Larosse!

BRAND-GUIDE

NEWSLETTER
ANMELDUNG

Immer informiert über die neuesten Lifestyle Trends, Architektur, Design & Interior, sowie aktuelle Technologien rund um Nachhaltigkeit.

[ninja_form id=3]

Michalea Larosse

Autorin: Michaela Larosse

Michaela Larosse ist Head of Strategy des digitalen Modehauses The Fabricant. Mit der neuen digitalen Plattform soll es zukünftig möglich sein, hyperrealistische Fashionerlebnisse zu realisieren. Durch langjährige Erfahrungen in der Konzeptentwicklung sowie Ihres Studiums im kreativen Schreiben gelingt es Michaela Larosse, Marken von der Technologie hinter Digital Couture zu überzeugen sowie den Wandel zu einer nachhaltigeren Modeindustrie voranzubringen.

Verwandte Themen
Fast Fashion vs Slow Fashion Cover
Fast Fashion vs. Slow Fashion markiert Modeindustrie im Wandel Nachhaltigkeit sorgt für einen Umbruch in der Modeindustrie – Ein Kampf namens Fast Fashion vs. Slow Fashion und das...
nachhaltge bademode
Nachhaltige Bademode: Brands und Facts für faire Beach Vibes Ob Bikini oder Badeanzug - egal. Diesen Sommer ist in Sachen Swimwear nämlich alles erlaubt. Hauptsache es handelt...
stella_Maylo
Piñatex, Lino oder Mylo – Was ist veganes Leder und die Innovation dahinter? Modemarken machen es derzeit vor: Taschen, Schuhe und Kleidung aus Ananas, Palmen und Pilzen - Alles über die...