Wenn Schmuck zum Ausdruck moderner Werte und Lebensgefühle wird

Avenida Santiago Gründer Roland Knipfer über Fair Jewellery als nachhaltige & ethische Evolutionsstufe der Schmuckindustrie 

 

Interview mit Roland Knipfer, Founder Avenida Santiago

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Nullpunkt

Autor: Haus von Eden

Moderne Ansprüche an Schmuck gehen weit über Design und Ästhetik hinaus. Es geht um soziale und ökologische Verantwortung im Hinblick auf die Gewinnung und Verarbeitung der Materialien sowie entlang ihres gesamten Lebenszyklus. Und auch um das Gefühl, dass ein Schmuckstück seinen Träger:innen vermitteln kann. Roland Knipfer, Gründer von Avenida Santiago, hat diese Verantwortung zum Kern seines Schaffens gemacht. Deshalb steht seine Schmuckbrand für zeitlose Statement-Pieces mit einer klaren Formensprache, die zu 100% aus Recyclingsilber bestehen und klimaschonend in Deutschland gefertigt werden.

Im Interview verrät er, welche Missstände sich durch recyceltes Silber vermeiden lassen, wieso für Fast Jewellery genauso viel Bewusstsein wie für Fast Fashion herrschen sollte und auf welche Entwicklungen sich Schmuckmarken einstellen müssen, um auch in Zukunft relevant zu bleiben.

Avenida Santiago Roland

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Die Verjüngung des Luxusmarktes bringt Herausforderungen wie die Digitalisierung mit sich, die der Schmuck-Sektor lange abgelehnt hat. Durch den Onlinehandel befürchtete man, seine Produkte abzuwerten oder seine Brand verwässern zu lassen. Eine Angst, die sich inzwischen klar als unbegründet erwiesen hat.

Gab es einen besonderen Moment, der Dich dazu inspiriert hat, Avenida Santiago zu gründen?

Ich würde weniger von einem Moment, als von einer Phase sprechen. Vor etlichen Jahren hatte ich beruflich viel mit Silberschmuck zu tun. Und auch, weil mich das Thema persönlich sehr interessierte, habe ich die Marktsituation damals genau betrachtet. Dabei wurde mir schnell klar, dass an einer bestimmten Stelle kaum ein relevantes Angebot vorhanden war: Anspruchsvoll gestalteter Silberschmuck in exzellenter Verarbeitungsqualität, fair und nachhaltig in Deutschland gefertigt. Silber wird oft lediglich als günstige Alternative zu Gold oder Platin betrachtet. Jedoch wird diese Perspektive diesem - wie ich finde - wunderbaren Edelmetall in keiner Weise gerecht. Silber ist eines der ältesten und schönsten Schmuckmetalle. Es ist weniger prätentiös als Gold und hat einen wärmeren Glanz als Platin.

Aufgrund des Status quo habe ich es als Abenteuer und große Herausforderung empfunden, Silber aus den Niederungen günstig produzierter Massenware auf ein neues Exklusivitäts-Niveau zu heben. Gleichzeitig war ich stets vom Erfolg dieser Mission überzeugt und bin sicher, dass sie genau den Zeitgeist trifft.

Was genau verkörpert Avenida Santiago?

Ich wünsche mir, dass Avenida Santiago in erster Linie ein Lebensgefühl von unbeschwerter Freiheit verkörpert. Unbeschwert, weil unser Schmuck verdeutlicht, dass achtsamer und verantwortungsbewusster Konsum nicht Verzicht oder eingeschränkte Lebensqualität bedeutet. Ganz im Gegenteil: Er kann Erfüllung, Glück sowie Lebensfreude bedeuten. Und Freiheit, da wir dazu ermutigen wollen, Individualität auszuleben ohne sich von gesellschaftlichen Zwängen einengen zu lassen. Das ist auch der Grund dafür, dass unsere Kollektion unisex, also für alle, ist.

Deshalb verkörpert Avenida Santiago auch den New Luxury. Unser Brand steht für einen Werte-Komplex aus Exklusivität, Qualität und persönlichem Glücksempfinden, sowie Nachhaltigkeit und Fairness in der gesamten Entstehungsgeschichte der Schmuckstücke.

Wieso produziert Ihr ausschließlich aus recyceltem Silber?

Es gibt keine ästhetischen Gründe für unsere Entscheidung, Schmuck aus recyceltem Silber herzustellen. Recyceltes und geschürftes Silber sind völlig identisch - sowohl im Aussehen, als auch in ihren technischen, physikalischen und chemischen Eigenschaften. Ausschließlich ausschlaggebend: Gründe der ökologischen und sozialen Fairness. Zudem ist Silber eine knappe Ressource. Ausgehend von den heutigen Fördermengen sind die weltweiten Vorkommen in weniger als 30 Jahren erschöpft. Grund genug, diesen kostbaren Rohstoff nicht unnötig auszubeuten.

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Noch wichtiger schien mir allerdings die Tatsache, dass der Silberbergbau extrem schädliche, wenn nicht zerstörerische, Begleiterscheinungen für Mensch und Natur mit sich bringt. Diese reichen von Umweltzerstörungen riesigen Ausmaßes in den Abbauregionen, über menschenverachtende Arbeitsbedingungen, bis hin zu kriminellen Machenschaften wie Korruption, Geldwäsche, Sklaverei, sowie Zwangs- und Kinderarbeit. Ähnliches gilt übrigens auch für den Goldbergbau.

Natürlich könnte man jetzt argumentieren, dass ohne geschürftes Silber auch nicht dessen Recycling möglich wäre. Dieses Argument greift aber zu kurz. Geschürftes Silber existiert nun mal, das lässt sich nicht rückgängig machen. Mit Recycling kann man jedoch dafür sorgen, dass bereits vorhandene Bestände optimal genutzt sowie wiederverwendet werden. Jedes Gramm Silber, das auf diese Weise neue Verwendung findet, muss nicht zusätzlich, beziehungsweise neu, geschürft werden.

Was sagst Du zu dem immer wiederkehrenden Kritikpunkt, dass recycelte Materialien qualitativ minderwertig sind?

Leider trifft dieses Argument auf viele Materialien zu. Recycelte Kunststoffe können oft nur dort eingesetzt werden, wo es nicht auf die höchste Materialqualität ankommt. Das sieht bei Edelmetallen allerdings anders aus. Sie lassen sich nahezu vollständig von Fremdstoffen isolieren und in ebenso reiner Form zurückgewinnen, wie das ursprünglich aus Erz gewonnene Edelmetall.

Es gibt also keinen Qualitätsgrund, der gegen die Verwendung von recyceltem Silber spricht. Aber viele Gründe, die dafür sprechen. Neben der bereits erwähnten Vermeidung von Missständen, verbraucht das Recycling im Vergleich zur konventionellen Silbergewinnung auch deutlich weniger Energie.

Wie integriert Ihr Nachhaltigkeit & Fairness ansonsten in Eure Produktion?

Neben der exklusiven Verarbeitung von recyceltem Silber, sorgen wir mit deutscher Fertigung dafür, dass jede Arbeitskraft fair bezahlt wird sowie sozial abgesichert ist. Außerdem produzieren wir auf einem äußerst hohen Umweltschutzniveau. Für deutsche Unternehmen bringt "Made in Germany" zudem den Vorteil, dass der Schmuck nicht um den halben Globus reisen muss, um seinen Vermarktungsstandort zu erreichen.

Die ökologische Nachhaltigkeit von Avenida Santiago beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Schmuckproduktion. Selbst unsere Etuis stammen aus einer kleinen regionalen Näherei, die reine sowie elastanfreie Öko-Baumwolle verwendet. So können wir gewährleisten, dass auch am Ende des Lebenszyklus der Etuis kein Mikroplastik in die Umwelt gelangt. Kunststofffreie Verpackungen und CO2-neutralen Versand betrachten wir als Selbstverständlichkeit, die das Konzept lediglich abrunden.

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Einen weiteren großen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit gehen wir mit unserem kostenlosen Reparaturversprechen. Langlebige Produkte wie unser Schmuck sind per se nachhaltig. Wir gehen aber noch einen Schritt weiter, indem wir jedes Schmuckstück kostenlos reparieren, wenn ein Schaden entsteht, der über normale Tragspuren hinaus geht. Und zwar zeitlich unbegrenzt. So schaffen wir die Voraussetzung, dass sich auch noch die nächste Generation an unserem Schmuck erfreuen kann.

Wieso gibt es so viel mehr Bewusstsein für Fast Fashion als für Fast Jewellery?

Es braucht Zeit, bis sich ein Problembewusstsein in der Gesellschaft manifestiert. Ganz salopp ausgedrückt: Die Missstände in der Textilindustrie und die negativen Folgen von Fast Fashion sind einfach schon länger bekannt. Außerdem ist Bekleidung ein größeres Thema als Schmuck, weil - überspitzt formuliert - jeder etwas zum Anziehen braucht. Im Gegensatz dazu "braucht" niemand Schmuck. Schmuck ist ein reiner Luxusartikel.

Ein weiterer Grund: Naturgemäß stehen das Endprodukt und seine Entsorgung mehr im Fokus der Verbraucher:innen, als die Problematik der Produktion. Diese findet eher im Hintergrund statt. Die kritische Entsorgung von Kunstfasern ist zum Beispiel leichter zu verstehen, als die Gewinnung sowie Verarbeitung von Schmuckstücken aus Edelmetallen. Abgesehen vom Thema Blutdiamanten, sind die damit verbundenen ökologischen und sozialen Missstände leider noch immer recht unbekannt.

Allerdings werden diese Probleme mittlerweile auch in der Schmuckindustrie verstärkt wahrgenommen, was sich in einer massiv steigenden Nachfrage nach fair produziertem Schmuck widerspiegelt. Ich bin also sehr zuversichtlich, bei Fair Jewellery eine ähnliche Entwicklung wie bei Fair Fashion zu sehen. Zumal unsere Gesellschaft heutzutage sowieso deutlich sensibilisierter für unfaire und zerstörerische Produktionsbedingungen sowie „saubere“ Alternativen ist, als noch vor einigen Jahren.

Wie gewährleistet Avenida Santiago die Langlebigkeit der Schmuckstücke?

Die wichtigsten Eigenschaften unseres Schmucks sind zeitloses Design und exzellente Verarbeitungsqualität. Das Design bringt die besten Voraussetzungen für eine lange Lebensdauer mit sich, da wir keine Modetrends aufgreifen. Stattdessen verwenden wir eine klassische Formensprache. Ähnlich wie beim Bauhaus-Stil arbeiten wir mit einem Baukasten weniger Grundformen. Daraus entsteht zeitloser Schmuck, der seine Aktualität über Jahre behält. Unabhängig von kurzlebigen Trends, bleibt unser Schmuck also und motiviert auf diese Weise nachhaltigen Konsum.

Avenida Santiago Cover-2

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Neben Zeitlosigkeit gewährleisten wir Langlebigkeit, indem wir auf Solidität setzen und auf filigrane, leicht zerstörbare Elemente verzichten. Massives Sterlingsilber und gekonnte Verarbeitung sorgen zudem für eine hohe mechanische Haltbarkeit. Und sollte doch ein Schaden entstehen, greift unser Reparaturversprechen.

Welche Herausforderungen muss die Schmuckindustrie in den nächsten Jahren bewältigen?

Ökologische und soziale Nachhaltigkeit werden bei der Produktion sowie im Handel von Schmuck eine immer größere Rolle spielen. Mit Aufkommen des neuen Luxusverständnisses begann diese Bewegung bereits vor einigen Jahren und hat inzwischen deutlich an Schwung gewonnen, doch ich glaube, dass sie noch lange nicht zu Ende ist. Zum Beispiel werden die Luxuskund:innen der Zukunft immer jünger und weiblicher. Allen Erwartungen zur Folge wird die Kaufkraft von Frauen deutlich steigen. Und zwar weltweit. Dieser Realität müssen sowohl Schmuck-Brands, als auch Händler:innen gerecht werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Vor allem die Verjüngung des Luxusmarktes bringt weitere Herausforderungen mit sich. Herausforderungen, die unser Schmuck-Sektor lange verweigert hat - beispielsweise die Digitalisierung. Durch den Onlinehandel befürchtete man, seine Produkte abzuwerten oder seine Brand verwässern zu lassen. Eine Angst, die sich inzwischen klar als unbegründet erwiesen hat. Da die nächste Generation an relevanten Konsument:innen verstärkt online einkauft und damit aufgewachsen ist, besteht hier großes Nachholpotential.

Doch auch neue Ansprüche an Glaubwürdigkeit und Transparenz fordern die Branche heraus. Während früher eine strikte Trennung zwischen Anbieter:innen und Konsument:innen herrschte - eine Situation, die es Marken erlaubte ihre eigene Welt durch Marketing und PR zu schaffen - ist diese in unserer digitalisierten Welt verschwommen. Konsument:innen wollen keine leeren Werbeversprechen mehr hören, sondern fordern glaubhafte sowie überprüfbare Standards, etwa für ethisches Handeln oder Klimaschutz.

Vielen Dank für das Interview, lieber Roland! 

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