Wie CarbonTag die Kluft zwischen nachhaltigen Einstellungen & Verhalten schließt

Klimalabels für den Klimaschutz: CarbonTag nutzt präzise Daten, um Verbraucher:innen zu nachhaltigem Konsum zu motivieren

Interview mit Marcia Holst, Co-Founderin CarbonTag

CarbonTag

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Autor: Haus von Eden

Immer mehr Menschen stärken ihr Bewusstsein für den Klimaschutz und entwickeln nachhaltige Ansichten. Diese in Taten umzusetzen, fällt vielen allerdings noch schwer. Um diese Kluft zwischen umweltfreundlichen Einstellungen und Verhaltensweisen zu schließen, haben Marcia Holst, Jasper Döninghaus und Leonardo Vizioli CarbonTag gegründet. Ein Tool, das auf präziser Datenanalyse basiert, damit Unternehmen ihre Produktemissionen berechnen und visualisieren können. So können sie nicht nur Schwachstellen einsehen sowie ihre Lieferkette nachhaltig optimieren, sondern auch Verbraucher:innen bewussten Konsum ermöglichen.

Im Interview spricht Marcia Holst über CarbonTag und seine Mission, Carbon Accounting in der Lebensmittelindustrie und nachhaltigen Konsum.

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Marcia Holst, Co-Founderin CarbonTag

Ihr habt am King's College London eine Studie über die verhaltensökonomischen Auswirkungen von Kohlenstoff-Etiketten begonnen. Was hat Euch inspiriert - gab es einen Wendepunkt?

CarbonTag wurde ursprünglich als Research-Initiative gegründet, als wir Co-Founder - Jasper, Leo und ich - gemeinsam Philosophy, Politics, and Economics am King's College London studierten. Mit der Idee eines Klimalabels gewannen wir eine Policy-Pitch Competition unserer Uni.

Bei unserer Recherche wurde uns bewusst, wie schlecht die Datenlage zu produktspezifischen Emissionen ist. Und wie sehr es an Transparenz sowie Präzision mangelt. In Kooperation mit Alnatura führten wir eine akademische Studie durch, um den Effekt von Klimalabels auf das Konsumentenverhalten zu ermitteln. Im Zuge dessen bauten wir eine umfangreiche Datenbank auf, die die Grundlage unserer Berechnungen bildet. Die Ergebnisse der Studie zeigen auf, wie effektiv Klimalabel zur Emissionsreduzierung beitragen können und wie attraktiv sie sowohl für den Handel als auch Hersteller:innen sein können. Genauer ergab unsere Studie eine durchschnittliche Emissionsreduzierung von 9.5 % sowie eine Umsatzsteigerung von 20.1 % für gelabelte Produkte.

Diese Zahlen motivierten uns, CarbonTag nicht nur als Research-Initiative weiterzuverfolgen, sondern ein handfestes Produkt zu entwickeln. Eines, das Unternehmen und Organisationen hilft, ihre Produktemissionen zu berechnen und zu visualisieren. Mit unserem Dashboard können Unternehmen zusätzlich ein Benchmarking ihrer Produkte einsehen, Emissions-Hotspots feststellen und entlang der Lieferkette ausprobieren, inwiefern man bestimmte Zutaten oder Transportmittel ersetzen könnte.

Was ist die größte Herausforderung für die Lebensmittelindustrie in Bezug auf die Messung und Kommunikation von CO2-Emissionen?

Die größte Herausforderung ist die ungenügende Datenlage. Sofern Daten vorhanden sind, ist die Datenqualität oft nicht zufriedenstellend: Die Datenquellen sind nicht transparent und nicht kleinteilig genug. Herkömmliche Datenbanken geben oft CO2eq-Werte (= CO₂-Äquivalente als Maßeinheit zur Vereinheitlichung der Klimawirkung unterschiedlicher Treibhausgase) auf dem Produktlevel an, liefern aber keine Informationen über die Details der hinterlegten Methodik oder Daten auf dem Parameterlevel (z.B. Futteremissionen, Düngeemissionen etc.). Für Unternehmen ist es außerdem sehr aufwendig und kostspielig, diese Daten zu ermitteln und bei den Produzenten abzufragen.

Carbon Accounting ist heute wichtiger denn je - wie setzt CarbonTag Treibhausgasbilanzierung in der Lebensmittelindustrie um?

Um die erwähnten Herausforderungen anzugehen, hat es sich CarbonTag zur Aufgabe gemacht, eine bottom-up Datenbank aufzubauen, die diese Probleme effektiv adressiert. Jeder Datenpunkt ist mit akademischen Quellen hinterlegt und liegt möglichst detailliert vor - insgesamt gibt es mehrere Dutzend Parameter pro Produkt. So können wir CO2eq-Werte für Produkte präzise sowie transparent berechnen und bekommen gleichzeitig Einsicht in Emission-Hotspots auf dem Zutaten-Level. Entweder entlang der gesamten Lieferkette, oder auf bestimmte Parameter wie den Transport bezogen.

Auf diese Weise kann die Berechnung flexibel an die Datenlage angepasst werden, während die Vergleichbarkeit über Produkte hinweg durchgehend gewährleistet wird. Produzent:innen können ihre Daten, falls diese vorliegen, auch direkt an uns übermitteln - mit minimalem Aufwand. Das spart Zeit und Kosten. Eine ansprechende visuelle Aufbereitung macht die Daten dann nicht nur für Nachhaltigkeitsexpert:innen zugänglich. Schließlich möchten auch Produktentwickler:innen und Personen aus der Unternehmenskommunikation diese Daten nutzen und verstehen.

Ihr weist darauf hin, dass viele Verbraucher:innen nachhaltig eingestellt sind, aber nicht so handeln. Wie unterstützt Ihr sie mit euren Labels dabei, Einstellung und Verhalten anzugleichen?

Glücklicherweise fordern Konsument:innen, Investor:innen, und Wähler:innen immer lautstärker Transparenz ein. Wenn Informationen zu CO2eq-Werten jedoch nicht leicht erhältlich oder unzuverlässig sind, ist es sehr schwer, klimabewusst einzukaufen. Viele Menschen unterschätzen zum Beispiel die Klimaschädlichkeit von Rindfleisch oder Vanille, aber überschätzen die Rolle des Transports. Das kann allerdings niemanden zum Vorwurf gemacht werden, wenn die entsprechenden Informationen nicht kommuniziert werden.

Diese Disparität zwischen dem Wunsch oder Bedürfnis, klimabewusst einzukaufen und dem eigentlichen Kaufverhalten, nennt man Attitude-Behaviour Gap. Unsere Studie hat ergeben, dass Klimalabel maßgeblich dazu beitragen können, diese Lücke zu verringern.

Umweltfreundlichere Produkte sind bekanntlich teurer. Wie hilft CarbonTag, den Massenmarkt zu überzeugen?

CO2eq-intensiv sind besonders Tierprodukte, also Fleisch- und Milchprodukte. Hinsichtlich Emissionen ist dies viel ausschlaggebender als Faktoren wie der Transport. Oft ist eine Ernährung, die stark auf Tierprodukten basiert, teurer als eine Ernährung, die Tierprodukt-arm oder sogar vegetarisch ist. Natürlich ist das nicht immer der Fall, etwa bei Kuhmilch und Hafermilch. Die Milchwirtschaft erhält umfassende Subventionen. Insgesamt können Klimalabel aber dabei helfen, dass Konsument:innen aus freien Stücken bewusste Kaufentscheidungen treffen können.

Welche Rolle spielen politische Entscheidungsträger:innen in der Mission von CarbonTag?

Wir sind im Austausch mit dem BMEL, dem Initiativen-Netzwerk FarmFoodClimate von ProjectTogether, und führenden Wissenschaftler:innen aus dem Life Cycle Assessment Bereich. Hier erarbeiten wir, inwiefern man ein Kooperationsnetzwerk aufstellen kann, das die Implementierung von einer einheitlichen Emissionsdateninfrastruktur möglich macht.

Wir begrüßen zudem neue Gesetzesinitiativen, die Greenwashing bekämpfen. Die Europäische Kommission hat eine neue Richtlinie über die Befähigung der Verbraucher zum umweltgerechten Handeln vorgeschlagen, die Anforderungen an die Begründung, Kommunikation und Überprüfung ausdrücklicher umweltbezogener Angaben festlegen soll. Dies bedeutet, dass generische Umweltaussagen wie "klimaneutral" und "grün" nicht mehr akzeptiert werden können, ohne dass diese detailliert belegt werden.

CarbonTag's Produkt hilft dies in die Tat umzusetzen: Unsere Methodik basiert auf international anerkannten wissenschaftlichen Standards. Und wir stellen Unternehmen und Verbraucher:innen zuverlässige, transparente, vergleichbare sowie überprüfbare Informationen zur Verfügung. Wir glauben, dass die vorgeschlagene Richtlinie dazu beitragen wird, Greenwashing zu verringern und den Verbraucher:innen verlässliche Informationen an die Hand zu geben, damit sie umweltverträglichere Entscheidungen treffen können.

Vielen Dank für das Interview, liebe Marcia! 

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